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Pflege-Mix in Deutschland 2020

Statistik, Infografik, NBA, Pflegepolitik, Pflegeversicherung, SGB XI

Der häusliche Pflegemix verschiebt sich weiter auf die Schultern der SPA!

Der Anteil der Personen, die in der eigenen Häuslichkeit gepflegt werden, steigt mit über 10 % auch 2019 weiter stark an (siehe Infografik „Pflege in Deutschland 2020“). Die jetzt vom GKV-Spitzenverband zur Verfügung gestellten Daten zum Pflegemix zeigen dabei eine deutliche Entwicklung: Mehr Sorgende und Pflegende Angehörige (SPA) müssen mehr Arbeit und Verantwortung übernehmen.

Jährlich werden neben den reinen Daten zur Pflegebedürftigkeit auch Statistiken zum häuslichen Pflegemix zur Verfügung gestellt. Diese sogenannte PG1 Statistik summiert die Leistungsfälle und Leistungstage und erlaubt anhand eines Durchschnittswertes eine Aussage zur Gestaltung der Pflege durch die verschiedenen Akteure.

Hierzu werden die bis zum Jahresende summierten Fälle/Tage durch 365 geteilt und anhand dieser Werte können langfristige Trends und Entwicklungen aufgezeigt werden.

Folgende Entwicklungen lassen sich aktuell ablesen:

 

  1. Die Bezieher von reiner Sachleistung reduzieren sich um 7.706 Personen (- 4,8 %) gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Damit liegt der Wert unter dem von 2017, als erstmalig die neuen Pflegegrade ermittelt wurden.
  2. Der kombinierte Bezug von Sachleistung und Pflegegeld steigt um 16.918 Leistungsempfänger an (+ 3,4 %).
  3. Die deutliche Zunahme der Pflegebedürftigen, die ohne Unterstützung der Ambulanten Pflegedienste auskommen müssen/wollen reflektiert das allgemein starke Wachstum der häuslichen Pflege. Hier stieg die Zahl von 1,7 Mio. um 142.081 (+ 8,2 %) auf über 1,88 Mio. Empfänger.
  4. Bei einer theoretischen Marktanteilsbetrachtung (Sachleistung plus Kombination vs. nur Pflegegeld) reduziert sich die mittels Pflegefachkräften unterstützte Versorgung in den letzten drei Jahren um minus 8,1 % (von 28,5 % auf 26,2 %).
  5. Mit fast 74 % wächst der Anteil der Familien, die Pflege nur über das Pflegegeld finanzieren und sicherstellen auf einen neuen Höchstwert. Diesen relativen Anteil hatten wir letztmalig vor exakt 20 Jahren.

Die Entwicklung stimmt nicht hoffnungsfroh

Nach Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs war sicherlich mit einer deutlichen Veränderung der strukturellen Zusammensetzung des Pflege-Mixes zu rechnen. Die sehr vielen „neuen“ kognitiv begründeten Pflegebedürftigen bedingen eine andere Versorgung: mehr Betreuung, seltener Hilfe bei der Mobilität und Körperpflege. Insbesondere in den stark angewachsenen unteren Pflegegraden.

Viele Jahre wurden um die 13 % aller Pflegebedürftigen exklusiv von den Ambulanten Pflegediensten gepflegt. Dieser Anteil hat sich bis 2019 auf 6 % mehr als halbiert.

Umstellungseffekt

Seit Bestehen der Pflegeversicherung nutzen jährlich immer mehr Pflegebedürftige und ihre SPA die Hilfe der Ambulanten Dienste als Team mit der Kombi-Pflege (Sachleistungs- und Pflegegeld-Bezug). 2019 schwächt sich diese Entwicklung etwas ab. (siehe Grafik).

Das ist keine schöne Entwicklung für die Sorgenden und Pflegenden Angehörigen, da eine Pflegesituation in der Regel keine erwartete, geplante und gewollte Veränderung bedeutet. Die eigene Lebensplanung wird in der Regel stark tangiert und eine Auslagerung der anspruchsvollen und oft belastenden Aufgaben wäre sicherlich in vielen Fällen sehr hilfreich – ob komplett oder als zusätzliche Unterstützung.

Der Gesetzgeber hat versucht mit dem Konzept der Ambulanten Betreuungsdienste eine zusätzliche Unterstützung und damit Entlastung für die Familien anzubieten. Ich berichtete hierüber im Blog-Beitrag: Ambulante Betreuungsdienste – wo liegt der Nutzen?

Gegriffen hat diese Maßnahme aber noch nicht. Erst 32 Dienste haben bis März 2020 eine Zulassung nach SGB XI bekommen – zum Vergleich: 2017 waren bereits 14.050 klassische Ambulante Pflegedienste erfasst.

Die Daten lassen nicht erkennen, ob die Ambulanten Pflegedienste sich aktiv von exklusiv versorgten Pflegebedürftigen getrennt haben, die Patienten verstarben und nicht wieder ersetzt wurden (viele Dienste haben eine Warteliste) oder ob diese reduzierte Inanspruchnahme andere Gründe hat. Für eine eventuell notwendige Kapazitätsreduzierung aufgrund von z.B. Fachkräftemangel spräche, dass der Patientenabbau insbesondere im weniger problematischen Personenkreis mit niedrigem Pflegegrad 2 und 3 „schonend“ erfolgt wäre.

Aktuell wird wieder verstärkt die Unterstützung bei den Ambulanten Pflegediensten nachgefragt, wie sich aus den Diskussionen in Fachforen (z.B. Facebook-Gruppe zur Häuslichen Pflege vom Vincentz-Verlag) ablesen lässt. Auch hier wird jetzt teilweise das Problem der Kapazitätsgrenzen aufgezeigt.

Ausgabenentwicklung Pflegemix 2019

Vergleicht man die Entwicklung auf der Leistungs-Empfängerseite mit denen der Ausgabenseite, wird Folgendes deutlich:

Von 2018 zu 2019 steigen die Investition in die Sachleistung um 200 Millionen Euro (+ 4,2 %) bei einem Rückgang der Empfänger um – 4,8 % und einem Plus von 3,4 % bei den Beziehern der Kombinationsleistung. Ursache hierfür könnten z.B. Lohnerhöhungen sein.

Die prozentuale Steigerung beim Pflegegeld reflektiert hingegen relativ annähernd die quantitative Entwicklung auf der Empfängerseite (8,2 % mehr Empfänger bei 7,9% mehr Budget). Der niedrigere prozentuale Anstieg wie bereits von 2017 zu 2018 wird vermutlich am stärkeren Anstieg der unteren, weniger kostenintensiven Pflegegraden 2 und 3 liegen.

Ausgaben Pflegemix 2019

 

Ein weiterer unterproportionaler Anstieg der Sachleistungs-Empfänger im wachsenden Pflegemarkt macht mir Sorge. Einen wirklich richtig substanziellen Fachkräftemangel erwartet man eigentlich erst in ein paar Jahren – so das bisherige Kalkül. Wie sollen die vielen Pflegebedürftigen zukünftig versorgt werden, wenn Aufgrund des demografischen Wandels auch noch die Ressource der Sorgenden und Pflegende Angehörigen (SPA) kontinuierlich geringer wird? Die zunehmende Singularisierung bei den älteren Menschen verschärft die Herausforderung.

Innovative Zukunftskonzepte für die häusliche Versorgung sind dringend gesucht.

Hendrik Dohmeyer


Quelle: GKV-Spitzenverband und GESUNDHEITSBERICHTERSTATTUNG DES BUNDES.

Die aktuellen Daten beim Bundesgesundheitsministerium weichen von den GKV-Daten momentan noch ab (Abruf 26.8.2020). Dort wird für die Versorgung durch Ambulante Dienste ein dickes Minus von insgesamt -2,3 % ausgewiesen. Diese werden vermutlich demnächst noch aktualisiert:
https://www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Statistiken/Pflegeversicherung/Leistungsempfaenger/Leistungsempfaenger-der-sozialen-PV-nach-Leistungsarten_2019.pdf

BMG Statistik

Als pflegender Angehöriger mit über 13 Jahren Erfahrung kenne ich den Pflege-Dschungel inzwischen recht gut. Das erlernte Wissen als § 7a Pflegeberater nützt ebenfalls.

Ich möchte Ihnen helfen, die organisatorischen Aufgaben der Pflege leichter zu bewerkstelligen.

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