Stürze vermeiden und die Wohnung sicher gestalten
Mit einem Raum-für-Raum-Check, guter Beleuchtung und passenden Hilfsmitteln lassen sich viele Risiken verringern.

Transparenz
Wie dieser Beitrag entstanden ist
Geschrieben und fachlich verantwortet unter der Leitung von Susanne Brinkmann, examinierte Pflegefachkraft, in Zusammenarbeit mit Hendrik Dohmeyer, Pflegeberater nach § 7a SGB XI.
- KI hilft beim Recherchieren von Quellen, beim Ordnen von Gedanken und dabei, Behördendeutsch verständlich zu machen.
- KI entscheidet nichts. Jede Zahl, jede Frist und jede rechtliche Aussage prüfe ich selbst, bevor sie hier steht.
Ein Sturz ist selten ein Unglück, das aus dem Nichts kommt. Meistens kommen mehrere kleine Dinge zusammen: ein Läufer im Flur, ein Medikament, das müde macht, eine Brille, die nicht mehr passt, und der Weg zur Toilette um halb drei nachts.
Das ist die gute Nachricht: Wo mehrere kleine Dinge zusammenkommen, reicht es oft, zwei davon zu ändern.
Und gleich vorweg der wichtigste Satz dieser Seite: Sturzprävention heißt nicht, sich weniger zu bewegen. Wer aus Angst im Sessel bleibt, verliert Kraft und Gleichgewicht — und stürzt dann schwerer, weil er sich nicht mehr abfangen kann. Das Ziel ist eine Wohnung, in der Bewegung sicher möglich ist. Keine Wohnung, in der niemand mehr aufsteht.
Persönliche Risiken erkennen
Die Wohnung ist nur die eine Hälfte. Die andere steckt im Menschen selbst:
- Frühere Stürze — der stärkste Hinweis überhaupt. Auch der Beinahe-Sturz zählt, bei dem sich noch jemand festhalten konnte.
- Schwindel beim Aufstehen, besonders morgens und nachts.
- Nachlassende Sehkraft. Eine Brille, die zwei Jahre alt ist, kann selbst zur Ursache werden — Gleitsichtgläser machen Stufen tückisch.
- Muskelschwäche, oft nach einem Krankenhausaufenthalt.
- Harndrang — Eile ist einer der häufigsten Auslöser.
- Ungeeignete Schuhe. Offene Pantoffeln, ausgelatschte Sohlen, Strümpfe auf Laminat.
- Gedächtnis und Orientierung. Wer den Weg nicht mehr sicher findet, geht anders.
Und die Medikamente. Mittel gegen Blutdruck, zum Schlafen, gegen Unruhe, entwässernde Mittel — viele davon erhöhen das Sturzrisiko, und mehrere zusammen erst recht. Setzen Sie nie selbst etwas ab. Aber lassen Sie die vollständige Liste einmal durchsehen, in der Hausarztpraxis oder in der Apotheke. Das ist eine der wirksamsten Maßnahmen überhaupt und kostet einen Termin.
Sicherheitscheck Raum für Raum
Gehen Sie einmal durch die Wohnung — und zwar zweimal: bei Tageslicht und im Dunkeln. Was Ihnen nachts auffällt, ist ein anderer Satz Probleme.
Wohnungscheck gegen Sturzgefahren
Gehen Sie einmal mit dieser Liste durch die Wohnung — am besten zu zweit und langsam. Jedes Nein ist Ihr nächster Handgriff. Sie müssen nicht alles auf einmal machen.
Flur und Laufwege
Wohnzimmer und Schlafzimmer
Bad und Toilette
Küche
Treppen und draußen
Die Haken bleiben nur auf diesem Gerät — sie werden nirgendwohin gesendet und niemand außer Ihnen sieht sie. Wenn Sie unsicher sind, ob etwas ein Risiko ist: Genau dafür gibt es die Wohnberatung.

Der Läufer im Flur
Wenn ich eine Wohnung sehe, schaue ich zuerst auf den Boden. In neun von zehn Fällen liegt dort ein Läufer, und in neun von zehn Fällen kommt derselbe Satz: „Der liegt da seit dreißig Jahren, darüber ist noch nie jemand gestolpert.“
Genau deshalb ist er gefährlich. Man hebt die Füße nicht mehr über etwas, das man nicht mehr sieht. Und wenn die Schritte kürzer und flacher werden — was mit den Jahren passiert —, reicht irgendwann eine hochstehende Ecke.
Weglegen kostet nichts, dauert eine Minute und ist die wirksamste Einzelmaßnahme, die ich kenne. Wenn der Teppich bleiben soll: wenigstens rutschfest unterlegen und die Kanten befestigen.
Hendrik Dohmeyer Pflegeberater nach § 7a SGB XI
Hilfsmittel sicher nutzen
Ein Rollator oder Gehstock hilft nur, wenn er passt und richtig benutzt wird — sonst wird er selbst zur Gefahr.
- Höhe prüfen lassen. Ein zu niedriger Rollator zwingt zum Vorbeugen, ein zu hoher gibt keinen Halt. Das gehört einmal eingestellt, nicht geschätzt.
- Bremsen prüfen — regelmäßig, nicht einmalig. Sie leiern aus.
- Gummifüße am Stock ansehen. Abgelaufen rutscht er weg. Ersatz kostet wenig.
- Den Umgang zeigen lassen. Wie man mit einem Rollator eine Schwelle nimmt oder sich hinsetzt, ist nicht selbsterklärend.
- Keine Möbel als Gehhilfe. Sich von Stuhllehne zu Kommode zu hangeln ist verbreitet und geht so lange gut, bis sich ein Möbelstück bewegt.
Zu Haltegriffen ausdrücklich: Griffe mit Saugnäpfen sehen aus wie eine schnelle Lösung, sind aber keine dauerhafte. Sie lösen sich, gerade auf feuchten Fliesen und an Fugen. Ein Griff, auf den man sich verlässt, gehört verschraubt — und an eine Stelle, die jemand mit Sachverstand bestimmt hat.
Bewegung statt Schonung
Kraft in den Beinen und Gleichgewicht sind das, was einen Stolperer zu einem Stolperer macht statt zu einem Sturz. Beides lässt sich bis ins hohe Alter verbessern — das ist einer der am besten belegten Befunde der Alterspflege überhaupt.
Was dabei zählt, ist Regelmäßigkeit, nicht Anstrengung: aufstehen und sich hinsetzen, ein paar Schritte im Flur, im Stehen abtrocknen statt im Sitzen, selbst zur Tür gehen.
Ein Übungsprogramm steht hier bewusst nicht. Was sinnvoll ist, hängt von Herz, Gelenken, Schmerzen und Gleichgewicht ab — bei hohem Sturzrisiko kann eine unpassende Übung genau das auslösen, was sie verhindern soll. Dafür gibt es Physiotherapie, und dafür gibt es Sturzpräventionskurse; nach beidem können Sie fragen.
Was tun nach einem Sturz?
Der erste Reflex ist, jemanden schnell wieder hochzuhelfen. Widerstehen Sie ihm.
- Ruhig bleiben und hinknien — auf Augenhöhe, nicht über die Person gebeugt.
- Fragen, bevor Sie anfassen: Wo tut es weh? Ging der Kopf mit auf den Boden? Können Sie die Beine bewegen?
- Hinsehen: Blutet etwas? Steht ein Bein oder Arm ungewöhnlich? Ist die Person ganz da?
- Nur aufhelfen, wenn nichts dagegenspricht — und dann in Etappen: erst auf die Seite, dann auf die Knie, dann mit einem Stuhl als Stütze hoch. Niemals am Arm hochziehen.
- Wenn Sie unsicher sind: liegen lassen, zudecken, Hilfe rufen. Am Boden zu liegen ist unangenehm, aber ein Bruch, der bewegt wird, ist schlimmer.
Die 112 bei starken Schmerzen, bei einem Bein oder Arm in ungewöhnlicher Stellung, bei Bewusstseinsstörung — und immer bei einem Kopfaufprall, wenn blutverdünnende Mittel genommen werden. Dieser letzte Punkt wird am häufigsten unterschätzt: Eine Blutung im Kopf kann sich über Stunden entwickeln, ohne dass zunächst etwas auffällt.
Und danach: notieren. Wann, wo, was war vorher, was hat die Person gemacht. Drei Zeilen. Wenn sich Stürze häufen, ist diese Notiz das, woraus die Hausarztpraxis eine Ursache erkennt — Kreislauf, Medikament, Sehkraft, ein Hilfsmittel, das nicht passt.
Unterstützung und Finanzierung
- Wohnberatung — kommt in die Wohnung, sieht das, was man selbst nicht mehr sieht, und kennt die Fördermöglichkeiten. Vielerorts kostenfrei.
- Pflegefachkraft oder Pflegedienst — schätzt das persönliche Sturzrisiko ein, nicht nur die Wohnung.
- Physio- oder Ergotherapie — für Kraft, Gleichgewicht und den sicheren Umgang mit Hilfsmitteln. Beides kann verordnet werden.
- Sanitätshaus — für Anpassung und Wartung von Rollator, Stock und Griffen.
- Pflegeberatung nach § 7a SGB XI — unabhängig, kostenfrei. Was dort passiert.
Zu den Zuschüssen: Für Umbauten, die das Wohnen mit Pflegebedürftigkeit erleichtern — Haltegriffe, bodengleiche Dusche, Türverbreiterung —, gibt es einen Zuschuss der Pflegekasse. Er wird pro Maßnahme gezahlt, und mehrere Umbauten zugleich gelten dabei als eine Maßnahme. Was in Ihrem Fall gilt, klären Sie vor dem Umbau, nicht danach — die Pflegeberatung hilft beim Antrag.
Was in den Beratungsgesprächen immer wieder vorkommt
- Pantoffeln. Ich sage es auf jeder zweiten Seite, weil ich es in jeder zweiten Wohnung sehe.
- Aus Sorge zur Ruhe raten. „Bleib lieber sitzen“ macht schwächer und erhöht das Risiko, statt es zu senken.
- Saugnapf-Griffe im Bad. Sie halten — bis sie es einmal nicht tun, und genau dann hängt jemand daran.
- Den Beinahe-Sturz verschweigen. Er wird nicht erzählt, weil ja nichts passiert ist. Er ist der wichtigste Hinweis, den es gibt.
- Nach einem Sturz sofort hochziehen. Am Arm, mit Schwung. So werden aus Prellungen Brüche.
- Die Medikamentenliste nie durchsehen lassen. Der wirksamste Termin, den kaum jemand macht.
Häufige Fragen
Müssen wirklich alle Teppiche raus?
Nicht alle, aber alle losen. Gefährlich sind Läufer und kleine Teppiche, die verrutschen oder deren Kanten hochstehen — und ausgerechnet die liegen meistens im Flur, also auf dem meistbegangenen Weg. Ein großer, festliegender Teppich ist selten das Problem. Wenn ein Läufer aus guten Gründen bleiben soll: rutschfest unterlegen und die Kanten befestigen. Eine Wohnung soll wohnlich bleiben — es geht darum, das Risiko zu verringern, nicht darum, sie leerzuräumen.
Welche Beleuchtung ist die richtige?
Wichtiger als die Helligkeit ist, dass Licht ohne Umweg erreichbar ist: ein Schalter, der vom Bett aus zu bedienen ist, oder ein schwaches Licht, das nachts durchgehend brennt. Ältere Augen brauchen deutlich mehr Licht als jüngere und gewöhnen sich langsamer an Dunkelheit — deshalb sind die Übergänge das Problem, nicht die dunkle Ecke. Achten Sie außerdem auf Blendung und auf harte Schatten, die wie Stufen aussehen.
Was mache ich sofort nach einem Sturz?
Erst fragen und schauen, dann anfassen. Wo tut es weh, ging der Kopf mit auf den Boden, lassen sich Arme und Beine bewegen? Nur aufhelfen, wenn nichts dagegenspricht, und dann in Etappen — nie am Arm hochziehen. Bei starken Schmerzen, ungewöhnlicher Stellung eines Gliedes, Bewusstseinsstörung oder Unsicherheit: liegen lassen, zudecken, Hilfe rufen. Bei einem Kopfaufprall unter blutverdünnenden Mitteln immer ärztlich abklären lassen, auch wenn zunächst nichts zu sehen ist.
Zahlt die Pflegekasse den Umbau?
Für Maßnahmen, die das Wohnen mit Pflegebedürftigkeit erleichtern, gibt es einen Zuschuss der Pflegekasse — etwa für Haltegriffe, eine bodengleiche Dusche oder eine Türverbreiterung. Voraussetzung ist in der Regel ein Pflegegrad. Gezahlt wird pro Maßnahme, wobei mehrere gleichzeitig durchgeführte Umbauten als eine Maßnahme gelten. Wichtig: vor dem Umbau beantragen, nicht danach. Wie hoch der Zuschuss aktuell ist und was in Ihrem Fall dazugehört, klären Sie in der Pflegeberatung — dort wird auch der Antrag mit Ihnen ausgefüllt.
Wer für diesen Text geradesteht
Dieser Pflegetipp entstand unter der fachlich-redaktionellen Leitung von Susanne Brinkmann in Zusammenarbeit mit Hendrik Dohmeyer.

Fachlich-redaktionelle Leitung
Susanne Brinkmann
Examinierte Pflegefachkraft, seit 2010 im ambulanten Dienst in Bremen — rund 44.500 Pflegeeinsätze. Nebenberuflich Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI sowie Schulungen in der Häuslichkeit nach § 45 SGB XI.

Redaktion
Hendrik Dohmeyer
Pflegeberater nach § 7a SGB XI. Schreibt die Texte und ordnet ein, was rechtlich dahintersteht.
Diese Seite gibt allgemeine Orientierung. Sie ersetzt keine pflegefachliche Anleitung und keine ärztliche Beurteilung im Einzelfall.
Wie geht es weiter?
- Sicher aufstehen, umsetzen und mobilisieren — die Grundsätze für jede Bewegung
- Beim Toilettengang sicher begleiten — der riskanteste Weg des Tages
- Alle Pflegetipps — zwanzig Anleitungen für die Pflege zu Hause
- Pflegeberatung nach § 7a — unabhängig, kostenfrei, hilft auch beim Antrag





