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Schlaf- und Beruhigungsmittel verstehen


Warum diese Mittel im Alter anders wirken, was rezeptfreie Schlafmittel anrichten können — und wie ein Ausstieg gelingt.

Eine Nachttischlampe, ein Glas Wasser und eine Tablettenpackung stehen neben einem Bett.
Aktualisiert am 26.09.2026

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Vorgelesen von einer synthetischen Stimme.

Kurz erklärt

Schlaf- und Beruhigungsmittel haben ihren Platz. Nach einem schweren Verlust, in einer akuten Krise, für ein paar Nächte — da können sie eine echte Hilfe sein. Das Problem entsteht fast nie am Anfang, sondern durch die Dauer: Was für zwei Wochen gedacht war, läuft nach zwei Jahren immer noch.

Zwei Dinge machen diese Gruppe im Alter besonders heikel:

  • Der Körper baut sie langsamer ab. Die Wirkung reicht in den nächsten Tag hinein — als Benommenheit, Unsicherheit auf den Beinen, Vergesslichkeit.
  • Meist wird vor allem das Einschlafen schneller. Wie viel Schlaf insgesamt dazukommt, ist oft weniger, als man erwartet — und der Aufbau der Nacht sowie das Befinden am nächsten Tag können darunter leiden. Wie stark, hängt vom Wirkstoff, von der Menge und von der Dauer der Einnahme ab. Deshalb fühlen sich manche Menschen morgens nicht erholt und schließen daraus, das Mittel wirke zu schwach.

Daraus wird im Pflegealltag eine Kette: Das Mittel abends — nachts unsicher zur Toilette — Sturz — Oberschenkelhalsbruch — Krankenhaus. Diese Kette ist der Grund, warum das Thema hierher gehört. Sie lässt sich unterbrechen.

Und ausdrücklich: Wer solche Mittel seit Jahren nimmt, hat dafür Gründe. Es geht hier nicht um Vorwürfe, sondern darum, dass ein Ausstieg möglich ist — begleitet und ohne Zwang.

Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?

  • Benzodiazepine (Lorazepam, Diazepam, Oxazepam, Bromazepam) — beruhigend, angstlösend, schlaffördernd. Wirksam und schnell — und mit einem Gewöhnungsrisiko schon nach wenigen Wochen.
  • Z-Substanzen (Zopiclon, Zolpidem) — als „modernere Schlafmittel“ eingeführt. Sie machen ebenso abhängig, das ist heute klar.
  • Rezeptfreie Schlafmittel (Diphenhydramin, Doxylamin) — aus der Drogerie und deshalb für harmlos gehalten. Bei älteren Menschen sind sie es nicht: Sie können Verwirrtheit, Mundtrockenheit, Verstopfung, Harnverhalt und Stürze auslösen und stehen in der PRISCUS-Liste der im Alter ungünstigen Medikamente.
  • Melatonin — in Retardform für einen engen Bereich zugelassen, im Wesentlichen zur kurzzeitigen Behandlung von Schlafstörungen ab etwa 55 Jahren; die Präparate unterscheiden sich. Es wirkt schwächer als die Schlafmittel und macht nicht abhängig, ist aber nicht wirkungslos und nicht ohne Nebenwirkungen: Müdigkeit am Tag und Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten kommen vor.
  • Müde machende Antidepressiva (Mirtazapin, Trazodon) — sie werden manchmal zum Schlafen verordnet. Das ist meist eine Anwendung außerhalb der Zulassung, denn es sind Antidepressiva. Sie können sinnvoll sein, machen aber nicht automatisch etwas sicherer — sie haben eigene Nebenwirkungen und Wechselwirkungen.
  • Niedrig dosierte Neuroleptika (Melperon, Pipamperon) — sie werden bei Unruhe eingesetzt, sind aber keine gewöhnlichen Schlafmittel. Ohne eine entsprechende psychiatrische Behandlungsgrundlage ist auch das meist eine Anwendung außerhalb der Zulassung. Bei Demenz gilt hier besondere Zurückhaltung, weil Nutzen und Risiko sorgfältig gegeneinander abzuwägen sind — siehe Demenz.
  • Baldrian, Hopfen, Lavendel — pflanzlich und meist schwach wirksam. „Pflanzlich“ heißt aber nicht risikofrei: Auch sie können müde machen, sich mit anderen Medikamenten ins Gehege kommen oder nicht vertragen werden. Und es ist ein Unterschied, ob etwas ein zugelassenes Arzneimittel ist, ein Nahrungsergänzungsmittel oder ein Duft- und Badeprodukt — der Beipackzettel sagt, was man vor sich hat.

Von der Packung zum Zusammenhang

Beispiele zur Orientierung, keine vollständige Liste. Handelsnamen können sich ändern; maßgeblich ist der Wirkstoff.
Handelsname (Beispiel)WirkstoffGruppeDas Wichtigste
TavorLorazepamBenzodiazepinGewöhnung, nie abrupt absetzen
ValiumDiazepamBenzodiazepinwirkt im Alter sehr lange nach
Ximovan, Zopiclon-ratiopharmZopiclonZ-Substanzebenfalls Gewöhnung
StilnoxZolpidemZ-Substanznächtliche Unsicherheit
Hoggar Night, VivinoxDoxylamin, Diphenhydraminrezeptfreiim Alter ungünstig
CircadinMelatoninweitereschwächer, macht nicht abhängig

Für den Pflegealltag wichtig

  • Niemals abrupt absetzen. Nach längerer Einnahme kann ein plötzlicher Stopp Unruhe, Schlaflosigkeit, Zittern, Angst, Verwirrtheit und im Extremfall Krampfanfälle auslösen. Ein Ausstieg wird langsam und ärztlich begleitet gestaltet — über Wochen bis Monate, in kleinen Schritten. Er gelingt oft besser, als die Betroffenen erwarten.
  • Auf die paradoxe Reaktion achten. Bei älteren Menschen führen diese Mittel manchmal zum Gegenteil: Unruhe, Verwirrtheit, nächtliches Umherlaufen, Aggression. Wird das für ein Fortschreiten der Demenz gehalten, kommt oft noch ein Mittel dazu — und die Ursache bleibt unentdeckt. Wenn Unruhe kurz nach Beginn oder Erhöhung eines solchen Mittels auftrat, gehört genau das gesagt.
  • Den nächtlichen Weg sichern, solange das Mittel läuft: Nachtlicht mit Bewegungsmelder, freier Weg zur Toilette, kein loser Teppich, Haltegriff, Toilettenstuhl neben dem Bett. Das kostet wenig und verhindert genau den Bruch.
  • Kein Alkohol dazu, und keine anderen dämpfenden Mittel ohne Absprache — Opioide, ältere Allergiemittel, Reisetabletten.
  • Was zuerst versucht werden sollte und oft mehr bringt, als es klingt: feste Aufstehzeit auch am Wochenende, Tageslicht am Morgen, Bewegung, kein Mittagsschlaf am späten Nachmittag, Koffein nur bis mittags, das Schlafzimmer kühl und dunkel, kein Bildschirm im Bett. Bei anhaltender Schlaflosigkeit gibt es außerdem ein gut untersuchtes verhaltenstherapeutisches Verfahren, das Sie in der Praxis ansprechen können.
  • Nach der Ursache fragen. Schmerzen, Atemnot, häufiges Wasserlassen, unruhige Beine, Sorgen, Trauer, ein zu warmes Zimmer — dahinter steckt oft etwas, das man behandeln kann statt zu überdecken.

Typische Beschwerden — was beobachten?

  • Benommenheit am Morgen, ein „Hangover“ bis in den Vormittag.
  • Unsicherer Gang, besonders nachts.
  • Vergesslichkeit, die mit dem Mittel zusammenhängt und nicht mit einer Demenz.
  • Unruhe und Verwirrtheit statt Beruhigung — die paradoxe Reaktion.
  • Die Wirkung lässt nach, es braucht mehr für denselben Effekt — ein Zeichen der Gewöhnung und ein Grund für ein Gespräch, nicht für eine höhere Dosis.
  • Unruhe, wenn das Mittel einmal fehlt — ebenfalls ein Zeichen der Gewöhnung.

Warnzeichen

Sofort die 112

Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.

  • Krampfanfall, besonders nach plötzlichem Absetzen.
  • Nicht erweckbar, sehr flache Atmung — vor allem in Verbindung mit Alkohol oder Opioiden.
  • Sturz mit Verdacht auf Bruch oder Kopfaufprall.
  • Schwere Verwirrtheit zusammen mit einer Bewusstseinsstörung, heftiger Erregung, einer Gefahr für die Person selbst oder andere, Atem- oder Kreislaufproblemen — oder wenn eine sichere Betreuung und ein sicherer Transport nicht möglich sind.

Noch heute abklären

Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.

  • Eine akut aufgetretene Verwirrtheit — auch ohne die oben genannten Notfallzeichen. Sie ist dringend und gehört noch am selben Tag beurteilt, nicht erst beim nächsten Termin.
  • Neue nächtliche Unruhe oder Verwirrtheit nach Beginn oder Erhöhung eines solchen Mittels.
  • Das Mittel wurde eigenmächtig abgesetzt.
  • Ein Sturz ist passiert, auch ohne sichtbare Folgen.
  • Starke Benommenheit über den Tag.

Beim nächsten Termin besprechen

Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.

  • Das Mittel läuft seit Monaten oder Jahren, ohne dass es überprüft wurde.
  • Es braucht immer mehr für dieselbe Wirkung.
  • Rezeptfreie Schlafmittel werden zusätzlich genommen.
  • Der Weg zur Toilette ist nachts nicht sicher.
  • Es gibt einen Wunsch, davon loszukommen — dann ist der Termin der erste Schritt.
  • Hinter der Schlaflosigkeit steckt etwas Behandelbares, das nie angesprochen wurde.

Fragen für Arztpraxis oder Apotheke

  • Wie lange soll dieses Mittel noch laufen, und wann überprüfen wir es?
  • Wäre ein schrittweiser Ausstieg möglich — und wie würde er aussehen?
  • Könnte dieses Mittel hinter der Verwirrtheit oder den Stürzen stecken?
  • Welche rezeptfreien Schlafmittel sind hier unbedenklich — und welche nicht?
  • Gibt es eine behandelbare Ursache für die Schlaflosigkeit?
  • Wäre ein Schlaftraining ohne Medikamente möglich?
  • Vertragen sich alle übrigen Medikamente damit?
Quellen und Anlaufstellen

Verwandte Inhalte

  • Alzheimer und Demenz — Was Demenzmedikamente leisten können und worauf bei Einnahme, Nebenwirkungen, Verhalten und Selbstständigkeit zu achten ist.
  • Antidepressiva — Wirkstoffgruppen, verzögerter Wirkungseintritt, mögliche Anfangsbeschwerden und psychische Krisenzeichen.
  • Polypharmazie — Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen, Nierenfunktion und Sturzrisiko strukturiert für Gespräche vorbereiten.
  • Schmerzmittel und Opioide — Schmerzmittelgruppen unterscheiden und Risiken wie Magenblutung, Verstopfung, Benommenheit oder Atemdämpfung erkennen.

Aus den Pflegetipps: Stürze vermeiden — der nächtliche Weg zur Toilette ist hier die entscheidende Stelle.

Porträt von Hendrik Dohmeyer

Wer schreibt hier?

Hendrik Dohmeyer

Pflegeberater nach § 7a SGB XI · sorgender und pflegender Angehöriger · Autor beim Pflege-Dschungel

Neunzehn Jahre lang habe ich meine beiden Eltern als sorgender und pflegender Angehöriger begleitet – bis 2024. Was ich in dieser Zeit über die Pflegeversicherung wissen musste, habe ich mir mühsam selbst zusammengesucht. Genau das soll Ihnen hier erspart bleiben.

Nach einer kurzen Pause wurden leider weitere Menschen in meiner Familie pflegebedürftig und benötigen seitdem Unterstützung. Diese Situation teile ich mit vielen anderen Familien in Deutschland: Pflege kann unerwartet erneut Teil des eigenen Lebens werden.

Heute führe ich bundesweit Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI durch, engagiere mich im Vorstand des Vereins Pflegende Angehörige e. V. und schreibe seit 2021 die Kolumne „Rat und Recht“ in der Zeitschrift Pflegepartner. Was hier steht, stammt aus eigener Erfahrung und meiner täglichen Beratungspraxis – nicht aus zweiter Hand.

Mehr über Hendrik Dohmeyer

  • Beratungen nach § 37 Abs. 3
  • 19 Jahre eigene Pflegeerfahrung
  • Vorstand Pflegende Angehörige e. V.
  • Über 30 Fachbeiträge seit 2021
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