Polypharmazie: wenn viele Medikamente zusammenkommen
Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen und Sturzrisiko strukturiert für das Gespräch mit Arztpraxis oder Apotheke vorbereiten.

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Wie dieser Beitrag entstanden ist
Geschrieben, geprüft und verantwortet von Hendrik Dohmeyer, Pflegeberater nach § 7a SGB XI.
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Kurz erklärt
Von Polypharmazie spricht man, wenn jemand dauerhaft mehrere Medikamente gleichzeitig einnimmt — meist ab fünf. In der häuslichen Pflege ist das die Regel, nicht die Ausnahme.
Das ist zunächst kein Fehler: Jedes einzelne Mittel wurde aus einem guten Grund verordnet. Das Problem entsteht durch die Summe — weil sich Wirkungen überlagern, weil niemand mehr den Überblick über alles hat, und weil bei jedem neuen Rezept selten geprüft wird, ob etwas Altes noch nötig ist.
Diese Seite ist keine Aufforderung, etwas wegzulassen. Sie soll Ihnen helfen, eine Überprüfung anzustoßen — und gut vorbereitet in das Gespräch zu gehen, in dem sie stattfindet.
Wie es dazu kommt
Fast immer durch dieselben vier Wege — und keiner davon ist jemandes Schuld:
- Mehrere Behandelnde. Hausarzt, Kardiologin, Orthopäde, Klinik — jede Praxis entscheidet für ihren Bereich, zusammengeführt wird selten. Und die meisten Mittel hatten am Anfang einen nachvollziehbaren Grund. Nur: Der Grund kann später entfallen, die Dosis nicht mehr passen, oder zwei Praxen verordnen dasselbe unter verschiedenen Namen. Es geht hier also nicht um Vorwürfe — es geht darum, dass jemand von Zeit zu Zeit auf das Ganze schaut.
- Nach dem Krankenhaus. Dort wird umgestellt; zu Hause läuft die alte Packung weiter, weil sie noch da ist. So entstehen Doppelungen.
- Eine Nebenwirkung wird für eine neue Krankheit gehalten und mit einem weiteren Mittel behandelt. Fachleute nennen das eine Verordnungskaskade. Ein Beispiel: Ein Blutdrucksenker verursacht geschwollene Knöchel, dagegen kommt eine Wassertablette — und die verursacht neue Probleme.
- Was ohne Rezept dazukommt — Schmerzmittel, Magentabletten, pflanzliche Mittel, Vitamine. Auf keiner Liste, aber im Körper.
Für den Pflegealltag wichtig
- Eine Liste, und nur eine. Am besten der bundeseinheitliche Medikationsplan, den die Praxis ausdruckt. Anspruch darauf haben gesetzlich Versicherte, die dauerhaft mindestens drei auf Kassenrezept verordnete Medikamente gleichzeitig anwenden — dauerhaft heißt hier: voraussichtlich mindestens vier Wochen. Gemeint sind Mittel, die im ganzen Körper wirken, also nicht die Augentropfen oder die Salbe. Fragen Sie in der Praxis danach; es gibt den Plan inzwischen auch in elektronischer Form.
- Und die alten Listen aus dem Verkehr ziehen. Nicht unbesehen wegwerfen: Nehmen Sie sie aus Geldbörse, Pflegemappe und Medikamentenschrank heraus, damit im Alltag nur eine gültige Fassung im Umlauf ist. Wer den Verlauf dokumentieren will oder muss, hebt die alten Fassungen geordnet an einem Ort auf und schreibt groß „UNGÜLTIG“ darauf. Im Krankenhaus ist die Frage „Was wurde wann geändert?“ oft die entscheidende.
- Alles aufschreiben, auch das Rezeptfreie. Gerade dort stecken Wechselwirkungen, an die niemand denkt.
- Den Plan zu jedem Termin mitnehmen — in jede Praxis, in jede Apotheke, in jede Klinik.
- Nach jedem Klinikaufenthalt abgleichen. Das ist der Moment, in dem sich am meisten ändert und am meisten schiefgeht.
- Beobachtungen notieren statt zu deuten. Seit wann ist sie müder? Seit wann der Schwindel? Kam etwas Neues dazu? Diese Zeitangaben sind das, woraus eine Fachperson einen Zusammenhang erkennt — Sie müssen ihn nicht selbst finden.
- Und der wichtigste Punkt: nie selbst absetzen. Auch nicht „nur mal probeweise“. Manche Mittel dürfen nicht abrupt weggelassen werden; bei anderen kommt das zurück, was sie verhindert haben.
Der Beutel-Termin
Es gibt ein einfaches Verfahren, das erstaunlich viel bewirkt und das Fachleute Brown-Bag-Review nennen — auf Deutsch schlicht: alles in eine Tüte und mitnehmen.
So geht es:
- Wirklich alles einsammeln — aus dem Bad, der Küchenschublade, dem Nachttisch, der Handtasche. Auch Angebrochenes, auch das rezeptfrei Gekaufte, auch Nahrungsergänzungsmittel, Tropfen und Salben.
- Nichts aussortieren. Gerade die Packung, von der Sie denken „die zählt nicht“, ist oft die interessante.
- Termin ausdrücklich dafür machen — in der Hausarztpraxis oder in der Apotheke. Sagen Sie beim Vereinbaren, worum es geht, damit Zeit eingeplant wird. Fragen Sie dabei gleich, ob eine „erweiterte Medikationsberatung“ in Frage kommt: Das ist eine eigene, von der Krankenkasse bezahlte Leistung der Apotheke — sie setzt allerdings voraus, dass mindestens fünf dauerhaft eingenommene Mittel zusammenkommen und noch ein paar weitere Bedingungen erfüllt sind. Klären Sie das vorher, damit Sie wissen, was Sie bekommen.
- Ihre Beobachtungen mitnehmen: Was ist neu, seit wann, was ist schwieriger geworden.
Wie oft eine solche Überprüfung sinnvoll ist, hängt davon ab, wie viel und was jemand nimmt — einmal im Jahr ist ein brauchbarer Anhalt. Wichtiger als der Kalender sind die Anlässe: nach einem Krankenhausaufenthalt, nach einem Sturz, bei neuer Verwirrtheit, wenn die Nierenfunktion nachlässt oder wenn etwas dazugekommen ist.
Was im Alter anders ist
Mit den Jahren verändert sich, wie der Körper mit Medikamenten umgeht: Nieren und Leber arbeiten bei vielen Menschen langsamer, der Wasser- und Fettanteil im Körper verschiebt sich, und manche Wirkungen werden stärker empfunden. Das gilt aber nicht für alle gleichermaßen — das Lebensalter allein sagt es nicht. Wo es zutrifft, kann dieselbe Menge stärker und länger wirken, und ein Mittel, das jahrelang gut vertragen wurde, wird plötzlich zu viel, ohne dass sich an der Packung etwas geändert hat.
Es gibt Fachübersichten dazu, welche Wirkstoffe für ältere Menschen oft ungünstig sind — im deutschsprachigen Raum vor allem die PRISCUS-Liste. Sie steht hier bewusst nicht auszugsweise: Sie ist ein Werkzeug für Fachpersonen und keine Streichliste. Aber Sie dürfen danach fragen — die Frage „Ist bei ihr etwas dabei, das im Alter als ungünstig gilt?“ ist ein völlig legitimer Gesprächseinstieg.
Worauf Sie besonders achten sollten
Drei Muster tauchen bei vielen Medikamenten zugleich auf und werden deshalb oft dem Alter zugeschrieben statt den Mitteln:
- Stürze und Schwindel. Blutdrucksenker, Wassertabletten, Schlaf- und Beruhigungsmittel, manche Antidepressiva — je mehr davon zusammenkommen, desto höher das Risiko. Nach jedem Sturz gehört die Medikamentenliste angesehen.
- Kranke Tage. Bei Erbrechen, Durchfall, Fieber oder wenn kaum getrunken wird, passen einzelne Mittel plötzlich nicht mehr — betroffen sind vor allem entwässernde Mittel, Blutdrucksenker aus der ACE- und Sartan-Gruppe sowie einige Diabetesmedikamente. Bitte nichts auf eigene Faust pausieren, aber auch nicht stur weitergeben: Lassen Sie sich für genau diese Situation vorab einen schriftlichen Plan geben, solange alle gesund sind. Wenn es den nicht gibt, gehört der Fall noch am selben Tag in die Praxis.
- Verwirrtheit und Müdigkeit. Eine neu aufgetretene Verwirrtheit ist ein ernstes Zeichen und wird oft vorschnell für den Beginn einer Demenz gehalten. Medikamente sind eine mögliche Ursache — aber längst nicht die einzige: Ebenso kommen ein Infekt, zu wenig Flüssigkeit, Schmerzen oder eine Stoffwechselstörung in Frage. Was dahintersteckt, gehört dringend geklärt, statt es zu erklären.
- Appetitlosigkeit, Übelkeit, Verstopfung. Auch das kann an der Kombination liegen und nicht am Alter.
Warnzeichen
Sofort die 112
Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.
- Bewusstseinsstörung, jemand ist nicht richtig ansprechbar.
- Atemnot, Schwellung von Gesicht, Lippen oder Zunge, schwere Hautreaktion.
- Nach einem Sturz mit Kopfaufprall: Bewusstlosigkeit, zunehmende Schläfrigkeit oder Verwirrtheit, Erbrechen, ein Krampfanfall, neue Lähmungen oder Sprachstörungen, eine starke Blutung — oder wenn ein sicherer Transport nicht möglich ist.
- Krampfanfall.
Noch heute abklären
Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.
- Ein Sturz mit Kopfaufprall bei jemandem, der gerinnungshemmende Medikamente nimmt — auch wenn die Person wach und beschwerdefrei ist. Eine Blutung im Kopf kann sich verzögert zeigen; das gehört noch heute ärztlich beurteilt und nicht allein zu Hause abgewartet.
- Neu aufgetretene Verwirrtheit — besonders wenn kurz zuvor ein Mittel dazukam oder geändert wurde.
- Ein Sturz ohne Verletzung und ohne Kopfaufprall — er gehört trotzdem besprochen, zusammen mit der Medikamentenliste.
- Deutlich zunehmende Müdigkeit oder Benommenheit.
- Erbrechen oder Durchfall über mehrere Stunden — dann kann sich die Wirkung mehrerer Mittel verändern.
- Der Verdacht, dass zwei Packungen denselben Wirkstoff enthalten.
Beim nächsten Termin besprechen
Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.
- Es sind fünf oder mehr Dauermedikamente, und die Liste wurde länger als ein Jahr nicht überprüft.
- Nach einem Krankenhausaufenthalt wurde nichts abgeglichen.
- Es kursieren mehrere Listen mit unterschiedlichem Stand.
- Schlucken fällt zunehmend schwer.
- Neue Beschwerden, die zeitlich zu einem neuen Mittel passen.
Fragen für Arztpraxis oder Apotheke
Diese neun Fragen lösen erfahrungsgemäß eine echte Überprüfung aus:
- Wird jedes dieser Mittel noch aus demselben Grund gebraucht wie am Anfang?
- Gibt es etwas, das nur noch aus Gewohnheit weiterläuft?
- Kommen zwei Mittel aus derselben Gruppe vor?
- Könnte eine der neuen Beschwerden die Nebenwirkung eines anderen Mittels sein?
- Passt die Menge noch zur aktuellen Nierenfunktion?
- Welche davon erhöhen zusammen das Sturzrisiko?
- Ist etwas dabei, das im Alter als ungünstig gilt?
- Ließe sich die Einnahme vereinfachen — weniger Zeitpunkte, andere Form, Verblisterung durch die Apotheke?
- Wann sehen wir die Liste das nächste Mal gemeinsam durch?
Die vierte Frage ist die wertvollste. Sie bringt eine Verordnungskaskade zum Vorschein, ohne jemandem einen Vorwurf zu machen — und genau daran scheitern solche Gespräche sonst.
Quellen und Anlaufstellen
- PRISCUS-2.0-Liste — Medikamente, die im Alter oft ungünstig sind
- aponet.de — Portal der Apothekerverbände — Arzneimittelwissen und Apothekensuche
- Giftnotruf der Charité — bei versehentlicher Doppeleinnahme oder Verwechslung
- BfArM: Nebenwirkung melden — auch Angehörige dürfen melden
- Der bundeseinheitliche Medikationsplan — wer ihn bekommt und was darin steht
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Aus den Pflegetipps: Medikamente sicher vorbereiten und geben und Stürze vermeiden.
Wichtig zu wissen
Die Informationen dienen der pflegerelevanten Orientierung und ersetzen weder Beipackzettel noch die persönliche Beratung durch Arztpraxis oder Apotheke. Ob ein Medikament geeignet ist, wie es dosiert wird und wie lange es angewendet wird, ist individuell zu entscheiden. Medikamente nicht eigenmächtig beginnen, verändern oder absetzen. Bei akuten schweren Beschwerden oder Lebensgefahr die 112 anrufen.
Grundlage: Empfehlungen zur Arzneimitteltherapiesicherheit sowie zum bundeseinheitlichen Medikationsplan.
Fachlich gegengelesen Dieser Text wurde extern fachlich geprüft und anschließend überarbeitet.
Stand: September 2026





