Zum Inhalt springen
10 Jahre Pflege-Dschungel, 2017 bis 2027 — zur Jubiläumsaktion Pflege-Dschungel. Orientierung. Begleitung.

Unabhängige Orientierung durch Pflegeversicherung,
Reform, Prävention und konkrete Pflegesituationen.

Spastik: erst die Ursache, dann das Medikament


Warum eine plötzlich stärkere Spastik meist einen Auslöser hat — und warum das Ziel nicht „möglichst weich“ ist.

Eine Angehörige unterstützt eine sitzende Person bei einer ruhigen Bewegungsübung.
Aktualisiert am 26.09.2026

Beitrag teilen

Für Instagram und TikTok gibt es keinen Teilen-Link – dort fügen Sie die Adresse selbst ein. Auf dem Handy führt „Mit einer App teilen“ direkt zu allen installierten Apps.

Keine Daten ohne Ihr Zutun: Diese Seite lädt nichts von Facebook, LinkedIn oder WhatsApp. Erst wenn Sie auf einen der Knöpfe tippen, öffnet sich der jeweilige Dienst.

00:00 / 11:16

Vorgelesen von einer synthetischen Stimme.

Kurz erklärt

Spastik entsteht, wenn die Steuerung der Muskelspannung durch das Gehirn oder das Rückenmark gestört ist — nach einem Schlaganfall, bei Multipler Sklerose, nach einer Rückenmarksverletzung, bei einer Zerebralparese. Die Muskeln sind dauerhaft zu angespannt, Bewegungen werden zäh, Gelenke drohen zu versteifen.

Zwei Dinge sind hier anders als bei den meisten Behandlungen — und beide verändern den Pflegealltag:

Erstens: Eine plötzlich stärkere Spastik hat fast immer einen Auslöser. Der Körper reagiert auf Reize, die er nicht mehr als Schmerz melden kann. Eine volle Blase, Verstopfung, ein Harnwegsinfekt, eine beginnende Druckstelle, ein eingewachsener Zehennagel, ein zu enger Gurt oder ein Faltenwurf im Laken — alles das kann die Spannung hochtreiben. Deshalb wird zuerst gesucht und dann behandelt, nicht umgekehrt.

Zweitens: Spastik ist nicht nur Störung. Bei manchen Menschen trägt die Spannung im Bein das Stehen, den Transfer, das Umsetzen vom Bett in den Rollstuhl. Wird sie zu stark gedämpft, fällt diese Funktion weg — und aus einem Menschen, der mit Hilfe steht, wird einer, der getragen werden muss. Das Ziel ist deshalb nicht „möglichst weich“, sondern „so viel Spannung wie nützlich, so wenig wie nötig“. Wer das weiß, versteht, warum die Praxis vorsichtig dosiert.

Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?

  • Baclofen — das am häufigsten eingesetzte Mittel, als Tablette oder über eine Pumpe direkt an das Rückenmark. Macht müde und kann die Muskelkraft insgesamt herabsetzen.
  • Tizanidin — ähnlich wirksam, senkt zusätzlich den Blutdruck; Schwindel beim Aufstehen ist häufig.
  • Tolperison — hier gilt eine Einschränkung, die viele nicht kennen: Das Mittel ist in Deutschland nur noch für die Spastik nach einem Schlaganfall bei Erwachsenen zugelassen. Der Grund war eine Neubewertung: Der Nutzen bei anderen Anwendungen war nicht ausreichend belegt, und es kann schwere allergische Reaktionen auslösen. Wenn es bei einer anderen Grunderkrankung auf dem Plan steht, ist das eine bewusste ärztliche Entscheidung — kein Standard.
  • Botulinumtoxin — als Spritze gezielt in einzelne Muskeln, wirkt einige Monate. Gut, wenn nur bestimmte Muskeln stören und der Rest gebraucht wird.
  • Cannabisbasierte Mundspray-Zubereitungen — bei Spastik im Rahmen einer Multiplen Sklerose, wenn anderes nicht ausreicht.

Häufig steht daneben noch etwas auf dem Plan, das nicht gegen die Spastik selbst wirkt: Gabapentin oder Pregabalin. Sie sind Mittel gegen Nervenschmerz, und der tritt bei denselben Erkrankungen oft zusätzlich auf. Wer sie für Spastikmittel hält, wundert sich zu Recht, dass die Muskeln davon nicht lockerer werden.

Von der Packung zum Zusammenhang

Beispiele zur Orientierung, keine vollständige Liste. Handelsnamen können sich ändern; maßgeblich ist der Wirkstoff.
Handelsname (Beispiel)WirkstoffFormWorauf achten
LioresalBaclofenTablette oder Pumpeniemals abrupt absetzen
SirdaludTizanidinTabletteBlutdruck, Schwindel
MydocalmTolperisonTablettenur nach Schlaganfall zugelassen, Allergierisiko
Botox, Dysport, XeominBotulinumtoxinSpritzeTermin alle paar Monate
SativexCannabisextraktMundspraybei MS-Spastik

Für den Pflegealltag wichtig

  • Bei plötzlich stärkerer Spastik die Ursachenliste durchgehen, bevor jemand an der Dosis dreht: Blase voll? Wann war der letzte Stuhlgang? Haut in Ordnung, besonders Ferse, Steißbein, unter dem Gurt? Nägel? Infektzeichen? Zu enge Kleidung, ein Knopf im Rücken, eine Falte im Laken?
  • Baclofen niemals abrupt absetzen. Ein plötzlicher Stopp kann Verwirrtheit, Fieber, Krampfanfälle und eine massive Rückkehr der Spastik auslösen.
  • Bei einer Pumpe zählt jede Stunde. Wenn die Pumpe Alarm gibt oder der Verdacht besteht, dass die Zufuhr unterbrochen ist: sofort die 24-Stunden-Nummer aus dem Pumpenausweis anrufen oder das Zentrum, das die Pumpe eingesetzt hat. Nicht bis zum nächsten Werktag warten und den Alarm nicht wegdrücken. Der Ausweis gehört dorthin, wo man ihn im Ernstfall findet, nicht in eine Schublade.
  • Auf Müdigkeit und Muskelschwäche achten. Sie sind die häufigsten Nebenwirkungen und erhöhen das Sturzrisiko. Wenn das Umsetzen plötzlich schlechter geht als vorher, ist das eine Rückmeldung wert.
  • Bewegung, Lagerung und Dehnen wirken mit — und zwar erheblich. Physiotherapie ist bei Spastik kein Zusatzangebot, sondern Teil der Behandlung. Regelmäßige Lagerungswechsel beugen Verkürzungen vor.
  • Kälte verstärkt Spastik oft, Wärme entspannt. Vorsicht mit Wärme dort, wo das Gefühl fehlt: Verbrennungen werden nicht gespürt. Nie eine Wärmflasche direkt auf die Haut.
  • Auf Hilfsmittel schauen, die drücken oder scheuern — Schienen, Gurte, Schuhe, Rollstuhlkissen. Sie sind ein häufiger stiller Auslöser.
  • Nach einer Botulinum-Behandlung die Wirkung beobachten und den nächsten Termin gleich vereinbaren; die Wirkung lässt planbar nach. Und ein Punkt, der oft überrascht: Sehr selten wirkt das Mittel über den behandelten Muskel hinaus. Dann treten Schluck-, Sprech- oder Atembeschwerden oder eine ungewohnte allgemeine Schwäche auf — das kann auch Tage bis Wochen nach der Spritze passieren, nicht nur unmittelbar danach. Solche Beschwerden gehören sofort beurteilt, bei Atemnot über die 112.

Typische Beschwerden — was beobachten?

  • Müdigkeit und Konzentrationsprobleme — besonders zu Beginn oder nach einer Erhöhung.
  • Allgemeine Muskelschwäche, die auch die gesunden Muskeln betrifft.
  • Schwindel beim Aufstehen unter Tizanidin.
  • Mundtrockenheit, häufig und lästig; sie begünstigt Karies.
  • Schmerzhafte Krämpfe, vor allem nachts — sie sagen etwas über die Verteilung der Wirkung über den Tag.
  • Neue Verkürzungen an Gelenken, Hand oder Fuß lassen sich schwerer öffnen.

Warnzeichen

Sofort die 112

Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.

  • Zeichen eines Baclofen-Entzugs: rasch zunehmende Spastik, Juckreiz oder kribbelnde Missempfindungen, Fieber, Verwirrtheit, Krampfanfall, Bewusstseins- oder Atemstörung. Pumpenausweis bereithalten.
  • Zeichen einer Überdosierung: ungewöhnliche Schläfrigkeit, auffällig schlaffe Muskulatur, flache Atmung.
  • Schluck-, Sprech- oder Atembeschwerden oder eine ausgeprägte allgemeine Schwäche nach einer Botulinum-Behandlung — bei Atemnot die 112.
  • Krampfanfall.
  • Nicht erweckbar oder schwer benommen nach einer Dosisänderung.

Noch heute abklären

Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.

  • Die Pumpe hat Alarm gegeben und Sie haben die Stelle aus dem Pumpenausweis noch nicht erreicht — dann weiter versuchen und parallel die Notaufnahme ansteuern, auch ohne die oben genannten Zeichen.
  • Deutlich stärkere Spastik ohne erkennbaren Grund.
  • Zeichen eines Harnwegsinfekts, kein Stuhlgang über mehrere Tage.
  • Neue Rötung oder offene Stelle an der Haut.
  • Das Umsetzen gelingt plötzlich nicht mehr wie sonst.
  • Eine Einnahme wurde ausgelassen.

Beim nächsten Termin besprechen

Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.

  • Zunehmende Müdigkeit oder Schwäche im Alltag.
  • Nächtliche Krämpfe.
  • Gelenke lassen sich schlechter bewegen.
  • Es läuft keine Physiotherapie.
  • Hilfsmittel drücken oder passen nicht mehr.

Fragen für Arztpraxis oder Apotheke

  • Welche Spannung ist hier erwünscht — wird sie zum Stehen oder Umsetzen gebraucht?
  • Was sollen wir prüfen, bevor wir uns wegen stärkerer Spastik melden?
  • Was tun wir, wenn eine Einnahme vergessen wurde?
  • Bei einer Pumpe: Wen rufen wir bei Alarm an, Tag und Nacht?
  • Wann ist die nächste Botulinum-Behandlung fällig?
  • Ist Physiotherapie verordnet, und reicht die Häufigkeit?
  • Welche Lagerung und welche Hilfsmittel sind hier sinnvoll?
Quellen und Anlaufstellen

Verwandte Inhalte

  • Schmerzen — Nichtopioide, Opioide und Koanalgetika unterscheiden — mit Schmerzdokumentation, Nebenwirkungen und Alarmzeichen.
  • Schmerzmittel und Opioide — Schmerzmittelgruppen unterscheiden und Risiken wie Magenblutung, Verstopfung, Benommenheit oder Atemdämpfung erkennen.
  • Polypharmazie — Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen, Nierenfunktion und Sturzrisiko strukturiert für Gespräche vorbereiten.

Aus den Pflegetipps: Richtig lagern und die Position wechseln sowie Druckstellen vorbeugen.

Porträt von Hendrik Dohmeyer

Wer schreibt hier?

Hendrik Dohmeyer

Pflegeberater nach § 7a SGB XI · sorgender und pflegender Angehöriger · Autor beim Pflege-Dschungel

Neunzehn Jahre lang habe ich meine beiden Eltern als sorgender und pflegender Angehöriger begleitet – bis 2024. Was ich in dieser Zeit über die Pflegeversicherung wissen musste, habe ich mir mühsam selbst zusammengesucht. Genau das soll Ihnen hier erspart bleiben.

Nach einer kurzen Pause wurden leider weitere Menschen in meiner Familie pflegebedürftig und benötigen seitdem Unterstützung. Diese Situation teile ich mit vielen anderen Familien in Deutschland: Pflege kann unerwartet erneut Teil des eigenen Lebens werden.

Heute führe ich bundesweit Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI durch, engagiere mich im Vorstand des Vereins Pflegende Angehörige e. V. und schreibe seit 2021 die Kolumne „Rat und Recht“ in der Zeitschrift Pflegepartner. Was hier steht, stammt aus eigener Erfahrung und meiner täglichen Beratungspraxis – nicht aus zweiter Hand.

Mehr über Hendrik Dohmeyer

  • Beratungen nach § 37 Abs. 3
  • 19 Jahre eigene Pflegeerfahrung
  • Vorstand Pflegende Angehörige e. V.
  • Über 30 Fachbeiträge seit 2021
Pflegegrad Pflegegrad Leistungen Leistungen Prävention Prävention Erkrankungen & Lebenslagen Erkrankungen & Lebenslagen Kurse Kurse Beratung Beratung Pflege-Cockpit Suche Weiter Download Telefontermin Termin Passt zu mir Checkliste Antrag stellen Bescheid & Widerspruch Frist Rechner Häusliche Pflege Stationäre Pflege Bewegung & Kurs Entlastung & Budget Tipp Hinweis Achtung Geprüft Pflege-Dschungel Mit KI erstellt Schließen