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Diabetes Typ 1: Insulin sicher begleiten


Warum Insulin auch dann gebraucht wird, wenn nichts gegessen wird — und woran Sie eine Unterzuckerung früh erkennen.

Eine jüngere Person bereitet am Tisch Insulin und eine Mahlzeit vor, eine zweite Person schaut zu.
Aktualisiert am 26.09.2026

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Vorgelesen von einer synthetischen Stimme.

Kurz erklärt

Beim Diabetes Typ 1 hat das körpereigene Abwehrsystem die insulinbildenden Zellen zerstört. Der Körper stellt selbst kein Insulin mehr her. Es muss von außen zugeführt werden — jeden Tag, ein Leben lang.

Das ist der entscheidende Unterschied zum Typ 2, und er hat eine Folge, die im Pflegealltag ernst genommen werden muss: Beim Typ 1 ist Insulin kein Mittel gegen zu hohe Werte, sondern lebensnotwendig. Wird es weggelassen, kann sich rasch eine gefährliche Übersäuerung des Blutes entwickeln — besonders schnell bei einer Insulinpumpe, weil dort kein langwirkendes Depot im Körper liegt, das die Lücke überbrückt.

Behandelt wird meist nach dem Basis-Bolus-Prinzip mit zwei Sorten Insulin:

  • Das Basalinsulin („Basis“) deckt den Grundbedarf über den Tag und die Nacht. Es wird ein- bis zweimal täglich gespritzt — unabhängig davon, ob gegessen wird.
  • Das Mahlzeiteninsulin („Bolus“) gehört zum Essen und wird an die Mahlzeit angepasst. Fällt eine Mahlzeit aus, kann dieser Anteil entfallen oder kleiner ausfallen — ein ärztlich festgelegter Korrekturanteil kann aber trotzdem nötig sein, wenn der Wert hoch ist. Was in dieser Lage gilt, steht im persönlichen Plan.

Daraus folgt der wichtigste Satz dieser Seite: Wenn jemand nichts isst, kann das Mahlzeiteninsulin entfallen — das Basalinsulin aber nicht. „Sie isst ja nichts, dann lassen wir das Insulin heute weg“ ist einer der gefährlichsten Sätze im Umgang mit Typ-1-Diabetes. Wenn der Wert dabei niedrig ist oder über Stunden nichts gegessen wird, handeln Sie nach dem persönlichen Plan — und wenn es keinen gibt, rufen Sie an, statt zu entscheiden.

Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?

  • Langwirkende Insuline als Basis (Glargin, Degludec, Detemir). Sie wirken über viele Stunden und decken den Grundbedarf.
  • Schnellwirkende Insuline zu den Mahlzeiten (Aspart, Lispro, Glulisin). Wirken innerhalb von Minuten.
  • Mischinsuline — beides in einer Zubereitung, heute seltener. Manche Insuline müssen vor jeder Anwendung vorsichtig durchmischt werden, andere nicht. Ob und wie, steht in der Gebrauchsinformation des jeweiligen Präparats — es lässt sich nicht am Aussehen ablesen.
  • Glukagon als Notfallmittel — als Nasenspray oder Fertigspritze. Es hebt den Zucker an, wenn jemand wegen Unterzuckerung nicht mehr schlucken kann. Wer damit umgehen soll, muss es einmal in Ruhe gezeigt bekommen — nicht im Notfall zum ersten Mal lesen.

Dazu kommt die Technik: Pen oder Insulinpumpe und häufig ein Sensor am Oberarm oder Bauch, der den Gewebezucker fortlaufend misst und ihn auf ein Lesegerät oder Handy überträgt. Sensoren zeigen einen Trendpfeil — er sagt, wohin sich der Wert bewegt, und ist im Alltag oft aussagekräftiger als die Zahl selbst.

Wichtig zu wissen: Der Sensor misst nicht das Blut, sondern den Zucker im Gewebe — und der hinkt dem Blutwert hinterher. Wenn sich der Wert schnell ändert, kann der Sensor deshalb daneben liegen. Passen die Beschwerden nicht zur angezeigten Zahl, ändert sich der Wert rasch oder wirkt die Anzeige technisch fragwürdig, wird nach dem persönlichen Plan blutig nachgemessen. Und Alarme werden nicht weggedrückt, ohne nachzusehen, warum sie kamen.

Insulin nie am Aussehen erkennen

Es hält sich hartnäckig die Faustregel „klar ist schnell oder lang, trüb ist Mischinsulin“. Sie stimmt nicht. Es gibt trübe Basalinsuline — die NPH-Insuline — und es gibt klare Kombinationen. Wer zwei Pens am Aussehen auseinanderhält, verwechselt sie irgendwann.

Sicher ist nur der Blick auf das Etikett: Name des Präparats, Wirkstoff, Stärke — und der Abgleich mit dem Medikationsplan. Kleben Sie die Pens unterschiedlich, bewahren Sie sie getrennt auf, und lassen Sie sich zeigen, welcher wofür da ist.

Für Menschen, die schlecht sehen, reicht das nicht. Dann braucht es eine verabredete Lösung: gut unterscheidbare Aufbewahrung, tastbare Markierungen, feste Zuständigkeiten — und bei jedem Zweifel eine zweite Person, die mitschaut.

Von der Packung zum Zusammenhang

Beispiele zur Orientierung, keine vollständige Liste. Handelsnamen können sich ändern; maßgeblich ist der Wirkstoff.
Handelsname (Beispiel)WirkstoffArtWofür
Lantus, Abasaglar, ToujeoInsulin glarginlangwirkendGrundbedarf, auch ohne Essen
TresibaInsulin degludeclangwirkendwie oben
NovoRapid, FiaspInsulin aspartschnellwirkendzur Mahlzeit
Humalog, LiprologInsulin lisproschnellwirkendzur Mahlzeit
NovoMix, Humalog MixMischinsulinvor Gebrauch mischen, nach Anleitung des Präparatsbeides zusammen
Baqsimi, GlucaGen HypoKitGlukagonNotfallmittelbei schwerer Unterzuckerung

Für den Pflegealltag wichtig

  • Das Basalinsulin wird nicht weggelassen — auch nicht bei Appetitlosigkeit, bei Übelkeit oder wenn der Wert gerade niedrig aussieht. Wenn Sie unsicher sind, rufen Sie an, bevor Sie es auslassen.
  • Unterzuckerung ist die häufigste akute Gefahr. Traubenzucker oder Saft gehören dorthin, wo sie im Ernstfall in Reichweite sind: Nachttisch, Handtasche, Auto, Badezimmer. Nicht nur in die Küchenschublade.
  • Bei Bewusstlosigkeit nichts einflößen — stabile Seitenlage, 112, und wenn ein Glukagon-Notfallmittel da ist und Sie eingewiesen wurden, dieses anwenden.
  • Nachts wird oft unterzuckert, ohne dass es jemand merkt. Durchgeschwitztes Nachtzeug, wirre Träume, Kopfschmerz am Morgen oder ungewöhnliche Verwirrtheit beim Aufwachen sind Hinweise, denen man nachgehen sollte.
  • An kranken Tagen steigt der Insulinbedarf oft, obwohl weniger gegessen wird. Genau umgekehrt zur Erwartung. Was dann gilt, gehört schriftlich festgelegt — siehe den Kasten weiter unten.
  • Spritzstellen wechseln. Wird immer dieselbe Stelle benutzt, entstehen Verhärtungen im Unterhautfettgewebe; das Insulin wird dort unberechenbar aufgenommen. Die Stellen einmal abtasten — Verhärtungen fühlt man deutlich.
  • Ein Ausweis für den Notfall gehört ins Portemonnaie, sichtbar für den Rettungsdienst.

Was in den Plan für kranke Tage gehört

Fieber, Erbrechen, Durchfall — das sind beim Typ-1-Diabetes die kritischen Tage. Der Insulinbedarf steigt, gleichzeitig wird weniger gegessen und getrunken. Ohne vorbereiteten Plan wird in dieser Lage geraten.

Diese Punkte gehören hinein, und zwar bevor jemand krank ist:

  • Ketone messen — womit, wann und ab welchem Ergebnis Sie anrufen. Ketone sind das Warnzeichen, das der Blutzucker allein nicht liefert.
  • Wie oft der Zucker gemessen wird — an kranken Tagen deutlich häufiger als sonst.
  • Das Basalinsulin wird nicht ausgelassen, auch wenn nicht gegessen wird. Ob die Menge angepasst wird, entscheidet die Praxis.
  • Wie korrigiert wird, wenn der Wert steigt — nach festem Schema, nicht nach Gefühl.
  • Wie viel getrunken werden soll, soweit ärztlich nichts dagegen spricht.
  • Bei Pumpenträgern: wann Katheter und System geprüft werden und wie die Ersatzversorgung mit Pen oder Spritze aussieht.
  • Ab wann Sie anrufen — und wen, auch nachts und am Wochenende.

Wenn die Pumpe ausfällt, ist das kein Fall für morgen

Eine Insulinpumpe gibt fortlaufend kleine Mengen schnellwirkendes Insulin ab. Ein langwirkendes Depot im Körper gibt es dabei nicht. Wird die Zufuhr unterbrochen — durch einen Alarm, einen abgeknickten Katheter, eine leere Ampulle oder eine gelöste Nadel —, fehlt das Insulin sofort, und eine Übersäuerung kann rasch entstehen.

Handeln Sie deshalb unverzüglich nach dem Notfallplan der Pumpe: Zucker und Ketone messen, Katheter, Ampulle und Verbindung prüfen, die verordnete Ersatzgabe mit Pen oder Spritze durchführen, sofern Sie darin eingewiesen sind — und das Diabetes-Team oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen. Nicht „bis morgen beobachten“.

Die 112 gilt, wenn Erbrechen, nachweisbare Ketone, eine tiefe schnelle Atmung, Benommenheit oder Bauchschmerzen dazukommen — oder wenn keine sichere Ersatzversorgung möglich ist.

Damit das im Ernstfall klappt, muss ein Ersatz-Pen mit gültigem Insulin und Nadeln griffbereit sein — und jemand muss wissen, wo er liegt.

Typische Beschwerden — was beobachten?

  • Zittern, Schwitzen, Herzklopfen, Heißhunger, Blässe — die klassischen Zeichen der Unterzuckerung.
  • Verwirrtheit, Reizbarkeit, verwaschene Sprache, Gangunsicherheit — dieselbe Ursache, aber leicht mit anderem verwechselt.
  • Wer lange Diabetes hat, spürt die Unterzuckerung manchmal nicht mehr. Diese Wahrnehmungsstörung ist bekannt und ein wichtiges Thema für die Praxis — sie ändert den ganzen Umgang mit dem Messen.
  • Starker Durst, häufiges Wasserlassen, Bauchschmerz, Übelkeit — Zeichen eines zu hohen Werts, der zu kippen droht.
  • Rötung, Verhärtung oder Schmerz an der Spritzstelle.

Warnzeichen

Sofort die 112

Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.

  • Bewusstlosigkeit, Krampfanfall oder nicht ansprechbar — 112, nichts einflößen.
  • Übelkeit, Erbrechen, Bauchschmerz, tiefe schnelle Atmung, obstartiger Geruch der Atemluft — Zeichen einer Übersäuerung. Sie ist lebensbedrohlich und entwickelt sich schnell.
  • Eine Unterzuckerung, die sich nach der Behandlung nach Plan nicht bessert — oder bei der jemand schläfrig oder verwirrt wird, unsicher schluckt oder nicht zuverlässig beobachtet werden kann.
  • Hohe Werte zusammen mit Erbrechen — dann kann nicht abgewartet werden.
  • Eine Pumpe fällt aus und es steht keine sichere Ersatzversorgung bereit — oder es kommen Erbrechen, nachweisbare Ketone, tiefe Atmung oder Benommenheit dazu.

Noch heute abklären

Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.

  • Fieber, Erbrechen oder Durchfall bei Typ-1-Diabetes — immer Rücksprache.
  • Das Basalinsulin wurde vergessen oder ausgelassen.
  • Wiederholte Unterzuckerungen, besonders nachts.
  • Der Sensor fällt aus oder zeigt offensichtlich falsche Werte — bis zur Klärung blutig messen.
  • Der Pen war stark erwärmt oder eingefroren.

Beim nächsten Termin besprechen

Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.

  • Verhärtungen an den Spritzstellen.
  • Die Unterzuckerung wird immer schlechter gespürt.
  • Kein Glukagon-Notfallmittel im Haus oder niemand wurde eingewiesen.
  • Es fehlt ein schriftlicher Plan für Krankheitstage.
  • Die letzte Kontrolle von Augen, Nieren und Füßen liegt über ein Jahr zurück.

Fragen für Arztpraxis oder Apotheke

  • Welches Insulin ist die Basis und welches gehört zur Mahlzeit?
  • Was gilt, wenn nicht gegessen wird — und was, wenn erbrochen wird?
  • Können wir einen schriftlichen Plan für kranke Tage bekommen — mit Ketonmessung, Messhäufigkeit, Korrektur und Trinkmenge?
  • Bei Pumpentherapie: Wie sieht unser Notfallplan aus, wenn die Pumpe ausfällt — und liegt ein Ersatz-Pen bereit?
  • Woran erkennen wir hier eine Unterzuckerung, und was geben wir dann?
  • Ist ein Glukagon-Notfallmittel verordnet, und wer zeigt uns die Anwendung?
  • Wie oft sollen die Spritzstellen gewechselt werden, und welche sind gerade dran?
  • Gibt es eine Schulung, an der Angehörige teilnehmen dürfen?
Quellen und Anlaufstellen

Verwandte Inhalte

  • Insulin und Diabetesmedikamente — Medikamente, Mahlzeiten, Messwerte und Krankheitstage zusammenbringen und Unterzuckerung erkennen.
  • Diabetes Typ 2 — Tabletten, Spritzen und Insulin verständlich unterscheiden — mit Blick auf Unterzuckerung, Flüssigkeit, Essen und Krankheitstage.
  • Polypharmazie — Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen, Nierenfunktion und Sturzrisiko strukturiert für Gespräche vorbereiten.

Aus den Pflegetipps: Blutzucker und Insulin im Alltag.

Porträt von Hendrik Dohmeyer

Wer schreibt hier?

Hendrik Dohmeyer

Pflegeberater nach § 7a SGB XI · sorgender und pflegender Angehöriger · Autor beim Pflege-Dschungel

Neunzehn Jahre lang habe ich meine beiden Eltern als sorgender und pflegender Angehöriger begleitet – bis 2024. Was ich in dieser Zeit über die Pflegeversicherung wissen musste, habe ich mir mühsam selbst zusammengesucht. Genau das soll Ihnen hier erspart bleiben.

Nach einer kurzen Pause wurden leider weitere Menschen in meiner Familie pflegebedürftig und benötigen seitdem Unterstützung. Diese Situation teile ich mit vielen anderen Familien in Deutschland: Pflege kann unerwartet erneut Teil des eigenen Lebens werden.

Heute führe ich bundesweit Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI durch, engagiere mich im Vorstand des Vereins Pflegende Angehörige e. V. und schreibe seit 2021 die Kolumne „Rat und Recht“ in der Zeitschrift Pflegepartner. Was hier steht, stammt aus eigener Erfahrung und meiner täglichen Beratungspraxis – nicht aus zweiter Hand.

Mehr über Hendrik Dohmeyer

  • Beratungen nach § 37 Abs. 3
  • 19 Jahre eigene Pflegeerfahrung
  • Vorstand Pflegende Angehörige e. V.
  • Über 30 Fachbeiträge seit 2021
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