Demenz: Medikamente und was sie leisten können
Was Medikamente gegen Demenz bewirken — und warum Unruhe fast immer eine Ursache hat, die man suchen sollte.

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Wie dieser Beitrag entstanden ist
Geschrieben, geprüft und verantwortet von Hendrik Dohmeyer, Pflegeberater nach § 7a SGB XI.
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Kurz erklärt
Bei einer Demenz gehen Nervenzellen und ihre Verbindungen verloren. Rückgängig machen lässt sich das bislang nicht. Bei den Medikamenten muss man zwei Dinge auseinanderhalten, die oft in einen Topf geworfen werden:
- Die seit Langem gebräuchlichen Mittel — Donepezil, Rivastigmin, Galantamin und Memantin — wirken auf die Beschwerden. Sie können Denkleistung und Alltagsfähigkeiten eine Zeit lang stabilisieren. Am Krankheitsprozess selbst ändern sie nichts, und ob im Einzelfall etwas Sichtbares dabei herauskommt, lässt sich vorher nicht sagen.
- Die neuen Antikörper — etwa Lecanemab — greifen in den Krankheitsprozess ein. Sie kommen aber nur für eine kleine, genau bestimmte Gruppe in einem frühen Stadium in Frage. Mehr dazu weiter unten.
Das klingt bescheiden, kann im Alltag aber viel bedeuten — wenn eine gewohnte Fähigkeit länger erhalten bleibt, ändert das den ganzen Tag. Versprechen lässt sich das allerdings nicht, weder in der Art noch im Zeitraum. Wichtig ist deshalb, die Erwartung ehrlich zu halten: Wer eine Besserung erwartet, hält das Medikament irgendwann für wirkungslos und setzt es ab. Der Maßstab ist meist nicht, ob es besser wird, sondern wie der Verlauf ohne das Mittel aussähe — und das sieht niemand.
Daneben steht ein zweites, ganz anderes Thema: Medikamente gegen Unruhe, Angst, Aggression oder nächtliches Umherlaufen. Hier ist im Pflegealltag am meisten zu gewinnen — und am meisten falsch zu machen.
Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?
- Acetylcholinesterase-Hemmer (Donepezil, Rivastigmin, Galantamin) — bei leichter bis mittelschwerer Alzheimer-Demenz. Rivastigmin gibt es auch als Pflaster. Häufige Begleiterscheinungen: Übelkeit, Durchfall, lebhafte Träume, langsamer Puls.
- Memantin — bei mittelschwerer bis schwerer Demenz, wirkt an einem anderen Botenstoff.
- Antikörper gegen Alzheimer-Eiweiß (zum Beispiel Lecanemab) — sie setzen am Krankheitsprozess an, kommen aber nur für eine kleine Gruppe in Frage: bei nachgewiesener Alzheimer-Erkrankung und in einem frühen Stadium, nach aufwendiger Voruntersuchung und nur an spezialisierten Zentren. Der Grund für die engen Kontrollen ist eine typische Nebenwirkung: Im Gehirn können Wassereinlagerungen oder kleine Blutungen entstehen, die man nur im Kernspin sieht und die oft keine Beschwerden machen — deshalb wird während der Behandlung regelmäßig kontrolliert. Wer zugleich gerinnungshemmende Medikamente nimmt, gehört besonders sorgfältig beurteilt. Für Menschen mit fortgeschrittener Demenz kommen diese Mittel nicht in Frage. Bei weiteren Antikörpern unterscheidet sich der Zulassungsstand; das klärt das Zentrum.
- Antidepressiva — Niedergeschlagenheit und Rückzug gehören häufig zur Demenz und sind behandelbar.
- Neuroleptika (Risperidon, Quetiapin, Melperon, Pipamperon) — bei schwerer Unruhe, Wahnvorstellungen oder Aggression. Sie sind untereinander nicht austauschbar. Nur Risperidon ist für diesen Zweck ausdrücklich zugelassen, und auch das eng begrenzt: bei anhaltender Aggression bei Alzheimer-Demenz, wenn nichtmedikamentöse Wege nicht ausgereicht haben, und zeitlich befristet. Die anderen werden je nach Lage außerhalb ihrer Zulassung eingesetzt — das kann fachlich richtig sein, ist aber eine bewusste ärztliche Entscheidung und kein Automatismus. Dazu der nächste Abschnitt.
Von der Packung zum Zusammenhang
| Handelsname (Beispiel) | Wirkstoff | Gruppe | Wofür |
|---|---|---|---|
| Aricept, Donepezil-ratiopharm | Donepezil | Antidementivum | Verlauf verlangsamen |
| Exelon | Rivastigmin | Antidementivum, auch Pflaster | wie oben |
| Axura, Ebixa | Memantin | Antidementivum | bei fortgeschrittener Demenz |
| Risperdal | Risperidon | Neuroleptikum | nur befristet, bei schwerer Unruhe |
| Eunerpan | Melperon | Neuroleptikum | wie oben |
Für den Pflegealltag wichtig
Unruhe ist eine Mitteilung. Wer nicht mehr sagen kann „mein Rücken tut weh“ oder „ich muss zur Toilette“, sagt es mit Verhalten. Bevor ein beruhigendes Medikament ins Spiel kommt, lohnt sich die Suche nach der Ursache — sie findet sich überraschend oft:
- Schmerzen — die häufigste übersehene Ursache. Arthrose, ein Druckgeschwür, eine Zahnwurzel, Verstopfung.
- Volle Blase, Infekt, Verstopfung. Eine akute Verwirrtheit kann bei älteren Menschen durch einen Infekt ausgelöst werden — auch ohne Fieber und ohne dass jemand über Schmerzen klagt. Umgekehrt gilt das aber nicht: Verwirrtheit allein beweist keinen Harnwegsinfekt. Bakterien im Urin sind im Alter häufig und machen oft gar keine Beschwerden; ein Teststreifen genügt deshalb nicht als Begründung für ein Antibiotikum. Was dahintersteckt, gehört ärztlich geklärt.
- Durst, Hunger, Hitze, Enge Kleidung, Lärm, Dunkelheit, zu viele Menschen.
- Ein neues Medikament — oder eines, das seit Jahren läuft und jetzt nicht mehr vertragen wird.
Wenn ein Neuroleptikum nötig wird, ist das keine Niederlage — es gibt Situationen, in denen es der richtige Weg ist. Es sollte aber immer eine begründete, niedrig dosierte, befristete und regelmäßig überprüfte Entscheidung sein. Diese Mittel erhöhen bei Demenz nachweislich das Risiko für Stürze, Schlaganfälle und Todesfälle. Fragen Sie deshalb aktiv nach: Wie lange soll das laufen, und wann schauen wir, ob es noch gebraucht wird? Ein Mittel, das vor zwei Jahren gegen eine Krise angesetzt wurde, läuft sonst still weiter.
Manche Medikamente trüben das Denken zusätzlich, ohne dass jemand einen Zusammenhang vermutet. Sie stehen meist aus ganz anderen Gründen auf dem Plan: Mittel gegen Blasenschwäche, ältere Schlafmittel, ältere Antidepressiva, rezeptfreie Mittel gegen Reiseübelkeit oder Allergien. Wenn sich das Denken über Wochen verschlechtert hat, ist der gemeinsame Blick auf den ganzen Medikationsplan der erste Schritt — nicht der letzte.
- Beim Rivastigmin-Pflaster das alte immer entfernen, bevor das neue klebt, und die Stelle wechseln. Zwei Pflaster gleichzeitig sind ein bekannter, gefährlicher Fehler — ein Vermerk auf dem Kalender hilft.
- Tabletten nicht heimlich ins Essen geben. Wenn die Einnahme nicht gelingt, ist das ein Thema für die Praxis: Manche Mittel gibt es als Tropfen, Schmelztablette oder Pflaster. Und: nicht jede Tablette darf geteilt oder gemörsert werden — bei Retardtabletten kann dadurch die ganze Tagesmenge auf einmal wirken. Immer vorher in der Apotheke fragen.
- Feste Zeiten und immer dieselbe Reihenfolge geben Halt und ersparen jeden Tag dieselbe Aushandlung.
Typische Beschwerden — was beobachten?
- Übelkeit, Appetitverlust, Durchfall, lebhafte Träume zu Beginn einer Behandlung mit Antidementiva.
- Langsamer Puls, Schwindel, Stürze — Antidementiva können den Puls senken.
- Ungewöhnliche Steifheit, kleinschrittiger Gang, Zittern, Maskengesicht unter Neuroleptika. Das sind Nebenwirkungen, keine Verschlechterung der Demenz — und ein Grund, es anzusprechen.
- Tagesmüdigkeit, Teilnahmslosigkeit — wer den ganzen Tag dämmert, ist nicht ruhig gestellt, sondern überdosiert.
- Plötzliche Verschlechterung innerhalb von Tagen — das ist keine Demenz, sondern meist etwas Behandelbares: Infekt, Austrocknung, Schmerz, ein neues Medikament.
Warnzeichen
Sofort die 112
Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.
- Plötzliche Verwirrtheit zusammen mit einer Bewusstseinsstörung, schwerer Verschlechterung des Allgemeinzustands, Atem- oder Kreislaufproblemen oder Schlaganfallzeichen. Ebenso, wenn eine sichere Betreuung oder ein sicherer Transport nicht möglich ist.
- Fieber zusammen mit Muskelsteifheit und Bewusstseinstrübung unter Neuroleptika.
- Anzeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, Lähmung, verwaschene Sprache.
- Sturz mit Kopfaufprall, besonders unter Gerinnungshemmern.
Noch heute abklären
Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.
- Plötzliche Verwirrtheit innerhalb von Stunden bis Tagen, die über den Tag schwankt — Verdacht auf ein Delir. Das ist dringend und meist behandelbar: noch heute ärztlich abklären lassen, nicht bis morgen warten. Ein Rettungswagen ist dafür nur nötig, wenn eines der oben genannten Zeichen dazukommt.
- Neue oder deutlich zunehmende Unruhe, Aggression oder Angst.
- Auffällige Steifheit oder Zittern nach Beginn eines neuen Mittels.
- Nichts mehr gegessen oder getrunken.
- Zwei Pflaster wurden gleichzeitig getragen.
- Verdacht auf Schmerzen, die niemand benennen kann.
Beim nächsten Termin besprechen
Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.
- Ein Neuroleptikum läuft seit Monaten, ohne dass es überprüft wurde.
- Die Einnahme klappt nicht mehr — es gibt andere Darreichungsformen.
- Tagesmüdigkeit, die zugenommen hat.
- Der Medikationsplan wurde lange nicht gemeinsam durchgesehen.
- Sie sind erschöpft. Das gehört ausgesprochen, auch in der Arztpraxis.
Fragen für Arztpraxis oder Apotheke
- Was soll dieses Medikament bewirken — und woran würden wir merken, dass es nichts mehr bringt?
- Wenn ein Beruhigungsmittel angesetzt wird: Wie lange soll es laufen, und wann überprüfen wir es?
- Sind Mittel dabei, die das Denken zusätzlich trüben können?
- Welche Tabletten dürfen geteilt oder gemörsert werden — und welche auf keinen Fall?
- Gibt es das Mittel als Tropfen, Schmelztablette oder Pflaster?
- Könnten Schmerzen hinter der Unruhe stecken, und wie prüfen wir das?
- Wer hilft uns, wenn die Nächte nicht mehr zu schaffen sind?
Quellen und Anlaufstellen
- gesund.bund.de: Alzheimer-Demenz
- Deutsche Alzheimer Gesellschaft — Informationsblätter, örtliche Gruppen, Alzheimer-Telefon
- BfArM: Nebenwirkung melden — auch Angehörige dürfen melden
- Der bundeseinheitliche Medikationsplan — wer ihn bekommt und was darin steht
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- Polypharmazie — Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen, Nierenfunktion und Sturzrisiko strukturiert für Gespräche vorbereiten.
Mehr zum Alltag: Demenz — was sich verändert und was bleibt.
Wichtig zu wissen
Die Informationen dienen der pflegerelevanten Orientierung und ersetzen weder Beipackzettel noch die persönliche Beratung durch Arztpraxis oder Apotheke. Ob ein Medikament geeignet ist, wie es dosiert wird und wie lange es angewendet wird, ist individuell zu entscheiden. Medikamente nicht eigenmächtig beginnen, verändern oder absetzen. Bei akuten schweren Beschwerden oder Lebensgefahr die 112 anrufen.
Grundlage: S3-Leitlinie Demenzen sowie Fachinformationen der genannten Wirkstoffgruppen.
Fachlich gegengelesen Dieser Text wurde extern fachlich geprüft und anschließend überarbeitet.
Stand: September 2026





