Bluthochdruck: Medikamente im Pflegealltag verstehen
Welche Blutdrucksenker häufig eingesetzt werden, was Angehörige beobachten können und wann Schwindel oder sehr niedrige Werte abgeklärt werden sollten.

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Wie dieser Beitrag entstanden ist
Geschrieben, geprüft und verantwortet von Hendrik Dohmeyer, Pflegeberater nach § 7a SGB XI.
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Kurz erklärt
Bei Bluthochdruck ist der Druck in den Blutgefäßen dauerhaft zu hoch. Man spürt das lange nicht — und genau das macht ihn tückisch: Er belastet über Jahre Herz, Gefäße, Nieren und Augen, ohne Beschwerden zu machen. Behandelt wird er, um spätere Folgen wie Schlaganfall, Herzinfarkt oder Nierenschwäche unwahrscheinlicher zu machen.
Deshalb ist die Behandlung meist dauerhaft, auch wenn die Werte gut sind. Gute Werte bedeuten, dass die Medikamente wirken — nicht, dass sie nicht mehr gebraucht werden. Das ist der häufigste Irrtum, dem ich in Beratungen begegne.
Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?
Fünf Gruppen begegnen Ihnen am häufigsten, oft mehrere davon in Kombination. Dass jemand mehrere Blutdruckmittel bekommt, ist kein Zeichen für eine besonders schwere Erkrankung — mehrere niedrig dosierte Mittel sind oft verträglicher als eines in hoher Dosis.
Sie stehen nicht gleichrangig nebeneinander. Als Grundlage der Behandlung dienen in der Regel ACE-Hemmer oder Sartane, Calciumantagonisten und Thiazid-Diuretika. Betablocker kommen vor allem dann dazu, wenn es einen zusätzlichen Grund gibt — etwa eine Herzschwäche, eine Rhythmusstörung oder eine koronare Herzkrankheit.
- ACE-Hemmer — sie greifen in ein Hormonsystem ein, das die Gefäße eng stellt. Die Gefäße werden weiter, der Druck sinkt. Typische Wirkstoffe: Ramipril, Enalapril, Lisinopril. Erkennbar an der Endung -pril.
- Sartane — wirken an derselben Stelle, aber anders. Sie werden häufig eingesetzt, wenn ACE-Hemmer nicht vertragen werden. Typische Wirkstoffe: Candesartan, Valsartan, Losartan. Endung -sartan.
- Calciumantagonisten — sie entspannen die Muskulatur der Gefäßwand. Typische Wirkstoffe: Amlodipin, Lercanidipin. Endung -dipin.
- Betablocker — sie dämpfen die Wirkung von Stresshormonen aufs Herz; es schlägt langsamer und weniger kräftig. Typische Wirkstoffe: Metoprolol, Bisoprolol. Endung -olol. Sie werden vor allem eingesetzt, wenn es neben dem Blutdruck einen weiteren Grund dafür gibt.
- Diuretika, umgangssprachlich Wassertabletten — sie schwemmen Flüssigkeit aus, das Blutvolumen sinkt. Beim Blutdruck sind das üblicherweise Thiazide wie Hydrochlorothiazid oder Indapamid. Torasemid gehört zu den stärker wirkenden Schleifendiuretika und wird eher bei Wassereinlagerungen, Herz- oder Nierenschwäche eingesetzt als bei einem unkomplizierten Bluthochdruck.
Die Endungen sind ein praktischer Anhaltspunkt: Wer sie kennt, erkennt an einer fremden Packung oft schon die Gruppe. Verlassen Sie sich aber nicht darauf — es gibt Ausnahmen, und maßgeblich bleibt der Medikationsplan.
Von der Packung zum Zusammenhang
Auf der Packung steht ein Name, im Medikationsplan oft ein anderer. Diese Übersicht hilft beim Einordnen:
| Handelsname (Beispiel) | Wirkstoff | Gruppe | Typisch eingesetzt bei |
|---|---|---|---|
| Delix, Ramipril-ratiopharm | Ramipril | ACE-Hemmer | Bluthochdruck, Herzschwäche, nach Herzinfarkt |
| Blopress, Candesartan-1A | Candesartan | Sartan | Bluthochdruck, Herzschwäche |
| Norvasc, Amlodipin-CT | Amlodipin | Calciumantagonist | Bluthochdruck, Angina pectoris |
| Beloc-Zok, Metoprolol Succinat | Metoprolol | Betablocker | Bluthochdruck, Herzschwäche, Rhythmusstörungen |
| Concor, Bisoprolol-ratiopharm | Bisoprolol | Betablocker | Bluthochdruck, Herzschwäche |
| Torem, Torasemid AL | Torasemid | Diuretikum | Bluthochdruck, Wassereinlagerungen |
Zwei Dinge, die dieselbe Packung unterschiedlich machen: Derselbe Handelsname gibt es oft in mehreren Stärken — und in unterschiedlichen Freisetzungsformen. „Beloc-Zok“ etwa ist ein Retardpräparat, das den Wirkstoff langsam abgibt. Retardtabletten dürfen nicht ohne Rückfrage geteilt, gemörsert oder gegen eine andere Form getauscht werden, auch wenn der Wirkstoff derselbe heißt. Erkennbar sind sie an Zusätzen wie „retard“, „Zok“, „ZOK“, „prolong“ oder „succinat“.
Warum das wichtig ist: Wenn die Apotheke ein anderes Präparat liefert, sieht die Packung plötzlich anders aus — andere Farbe, anderer Name, andere Tablettenform. Der Wirkstoff ist derselbe. Das verunsichert viele Menschen und führt gelegentlich dazu, dass zwei Packungen desselben Wirkstoffs parallel genommen werden. Schauen Sie im Zweifel auf den Wirkstoff, nicht auf den Namen — er steht klein unter dem Handelsnamen.
Für den Pflegealltag wichtig
- Regelmäßigkeit ist entscheidend — maßgeblich bleiben aber die verordnete Einnahmezeit und die Häufigkeit. Manche Mittel wirken über den ganzen Tag, andere werden zweimal täglich gegeben oder gezielt zu einer Mahlzeit. Legen Sie Einnahmen nicht eigenmächtig zusammen und verschieben Sie sie nicht. Ein fester Anker im Tagesablauf hilft mehr als ein Wecker.
- Messen mit System. Im Sitzen, nach etwa fünf Minuten Ruhe, immer zur selben Tageszeit. Für ein aussagekräftiges Profil messen Sie zweimal im Abstand von etwa einer Minute und notieren beide Werte — morgens und abends, über mehrere Tage. Beim ersten Mal an beiden Armen messen; danach immer den Arm mit den höheren Werten nehmen, wenn die Praxis nichts anderes vorgibt. Einzelwerte sagen wenig — die Reihe sagt viel.
- Langsam aufstehen lassen. Beim Wechsel vom Liegen zum Stehen sackt der Druck kurz ab; unter Blutdrucksenkern stärker. Erst aufsetzen, sitzen bleiben, dann stehen. Das ist der wichtigste Sturzschutz auf dieser Seite.
- Diuretika früh am Tag. Wer sie abends bekommt, muss nachts mehrmals zur Toilette — und nachts stürzen die meisten. Wenn das ein Thema ist, gehört es besprochen.
- Auf Flüssigkeit achten, gerade im Sommer und bei Durchfall oder Erbrechen. Unter Diuretika kann der Körper schnell zu wenig Flüssigkeit haben. Bei Durchfall, Erbrechen, Fieber, sehr geringer Trinkmenge oder großer Hitze fragen Sie früh in der Praxis oder Apotheke nach, ob ACE-Hemmer, Sartan oder Wassertablette vorübergehend angepasst werden müssen — besonders, wenn zusätzlich ein entzündungshemmendes Schmerzmittel genommen wird. Diese Kombination kann den Blutdruck absacken lassen und die Nieren belasten. Pausieren Sie nie selbst.
- Kontrollen im Blick behalten. Bei mehreren dieser Gruppen werden regelmäßig Nierenwerte und Blutsalze kontrolliert. Fragen Sie nach, wann die nächste Blutabnahme ansteht.
Typische Beschwerden — was beobachten?
Nicht jeder bekommt das, und vieles verliert sich nach den ersten Wochen. Aber es hilft zu wissen, was zu welchem Mittel gehören kann — dann wird eine Beschwerde eher angesprochen als hingenommen:
- Trockener Reizhusten ist der bekannteste Begleiteffekt der ACE-Hemmer. Er kann auch erst nach Monaten anfangen und wird oft für eine Erkältung gehalten. Er ist gut behandelbar — meistens durch einen Wechsel innerhalb der Gruppen. Sprechen Sie ihn an, statt Hustensaft zu kaufen.
- Geschwollene Knöchel kommen unter Calciumantagonisten wie Amlodipin häufig vor, meist an beiden Beinen. Sie entstehen anders als bei einer Herzschwäche — der Druck in den kleinen Gefäßen verschiebt sich, es ist nicht zu viel Wasser im Körper. Eine zusätzliche Wassertablette löst diese Art Schwellung deshalb nicht zuverlässig. Neu aufgetretene Schwellungen gehören trotzdem ärztlich eingeordnet, weil auch andere Ursachen dahinterstecken können.
- Müdigkeit, kalte Hände und Füße, langsamer Puls passen zu Betablockern. Auch lebhafte Träume kommen vor.
- Vermehrter Harndrang, Wadenkrämpfe, Schwäche passen zu Diuretika. Krämpfe und Schwäche können auf verschobene Blutsalze hindeuten und gehören besprochen.
- Schwindel beim Aufstehen ist bei allen Gruppen möglich, besonders am Anfang und nach einer Dosisänderung.
Und ein Punkt, der oft übersehen wird: Sehr niedrige Werte sind bei älteren Menschen nicht automatisch gut. Wenn jemand müde, schwindelig oder unsicher auf den Beinen ist, kann der Blutdruck zu tief sein. Auch das gehört gemeldet — nicht nur zu hohe Werte.
Warnzeichen
Sofort die 112
Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.
- Plötzliche Schwellung von Lippen, Zunge, Gesicht oder Rachen, besonders mit Atemnot oder Schluckproblemen. Das kann eine seltene, aber gefährliche Reaktion auf ACE-Hemmer sein — auch nach Jahren problemloser Einnahme.
- Zeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, ein Arm lässt sich nicht mehr heben, verwaschene Sprache.
- Brustschmerz, Atemnot, kalter Schweiß.
- Bewusstlosigkeit oder ein Sturz mit Bewusstseinsverlust.
Noch heute abklären
Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.
- Sehr niedriger Blutdruck zusammen mit Schwindel, Benommenheit oder einem Sturz.
- Puls deutlich langsamer als sonst, besonders mit Schwäche oder Schwindel.
- Plötzlich sehr viel weniger Urin, oder auffällige Schwäche und Verwirrtheit unter Diuretika.
- Werte, die über mehrere Tage deutlich höher liegen als sonst.
Beim nächsten Termin besprechen
Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.
- Trockener Reizhusten, der nicht weggeht.
- Neu geschwollene Knöchel.
- Müdigkeit, kalte Füße, Wadenkrämpfe.
- Nächtlicher Harndrang, der den Schlaf zerstört.
- Der Verdacht, dass zwei Packungen denselben Wirkstoff enthalten.
Fragen für Arztpraxis oder Apotheke
Zum Abschreiben oder Ausdrucken:
- Welchen Zielbereich streben wir bei ihr oder ihm an — und warum gerade diesen?
- Zu welcher Tageszeit sollen die einzelnen Mittel genommen werden, und spielt das eine Rolle?
- Was ist zu tun, wenn eine Einnahme vergessen wurde — bei jedem Mittel einzeln?
- Welche Beschwerden sollen wir im Blick behalten, und welche wären ein Grund anzurufen?
- Wann stehen die nächsten Kontrollen an — Nierenwerte, Blutsalze?
- Der Reizhusten seit einiger Zeit: Könnte er mit einem der Mittel zusammenhängen?
- Wir messen zu Hause. Wie oft ist sinnvoll, und wann sollen wir uns melden?
- Was tun bei Durchfall, Erbrechen oder großer Hitze — muss dann etwas angepasst werden?
- Vertragen sich die Mittel mit dem, was ohne Rezept dazukommt — Schmerzmittel etwa?
Die letzte Frage ist wichtiger, als sie klingt. Rezeptfreie entzündungshemmende Schmerzmittel aus der Apotheke — etwa Ibuprofen oder Diclofenac — können die Wirkung von Blutdrucksenkern abschwächen und die Nieren belasten. Das weiß kaum jemand, und es steht selten auf dem Zettel.
Quellen und Anlaufstellen
- gesund.bund.de: Bluthochdruck
- Deutsche Herzstiftung — Ratgeber und Sprechstunde für Betroffene
- BfArM: Nebenwirkung melden — auch Angehörige dürfen melden
- Der bundeseinheitliche Medikationsplan — wer ihn bekommt und was darin steht
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Aus den Pflegetipps passen dazu: Medikamente sicher vorbereiten und geben und Stürze vermeiden — Blutdrucksenker gehören zu den häufigsten Sturzursachen.





