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Kortison verstehen


Warum es morgens gegeben wird, warum es nie einfach aufhört — und warum der Körper bei Fieber mehr davon braucht.

Auf einem Tisch liegen eine Tablettenpackung, eine Tube und ein Inhalator nebeneinander.
Aktualisiert am 26.09.2026

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Vorgelesen von einer synthetischen Stimme.

Kurz erklärt

Kortison ist kein fremder Stoff. Der Körper stellt es selbst her — in der Nebennierenrinde, mit einem Gipfel am frühen Morgen. Es dämpft Entzündungen und hilft, mit Belastung umzugehen.

Als Medikament ist es eines der wirksamsten überhaupt: bei Rheuma, bei schweren Asthma- oder COPD-Schüben, bei Hauterkrankungen, bei entzündlichen Darmerkrankungen, nach Transplantationen. Zugleich hat kaum ein Medikament einen so schlechten Ruf.

Beides stimmt ein Stück weit — es kommt auf die Größenordnung an, und die wird selten erklärt:

  • Örtlich angewendet — als Creme, Spray oder Inhalation — wirkt Kortison vor allem dort, wo es aufgetragen oder eingeatmet wird. Die Wirkungen auf den ganzen Körper sind deutlich geringer als bei Tabletten, aber nicht null: Sie hängen von der Wirkstärke ab, von der Menge, von der behandelten Fläche, von der Dauer, von Verbänden, die abdecken, und vom Alter. Und örtlich hat es eigene Begleitwirkungen — dünner werdende Haut, Pilzbefall im Mund, Heiserkeit, bei langer Anwendung auch Auswirkungen auf die Augen.
  • Als kurze Stoßbehandlung über wenige Tage ist es meist gut verträglich.
  • Als Dauerbehandlung über Wochen und Monate wirkt es im ganzen Körper — und dann sind Begleitwirkungen zu erwarten und im Blick zu behalten.

Die Angst vor Kortison ist gefährlicher als das Kortison selbst, wenn sie dazu führt, dass jemand es heimlich weglässt. Genau das passiert häufig — und das Weglassen ist bei Kortison das eigentliche Risiko.

Welche Medikamentengruppen kommen typischerweise vor?

  • Prednisolon und Prednison als Tablette — die häufigsten. Werden morgens genommen, weil das dem eigenen Rhythmus des Körpers entspricht und den Schlaf weniger stört.
  • Hydrocortison — nah am körpereigenen Stoff, bei einer Unterfunktion der Nebenniere.
  • Dexamethason — stark wirksam, unter anderem in der Krebsbehandlung und in der Palliativversorgung.
  • Kortison zum Inhalieren (Budesonid, Beclometason, Fluticason) — bei Asthma und COPD. Danach Mund spülen.
  • Kortisonhaltige Cremes und Salben — in Wirkstärken von schwach bis sehr stark. Für dünne Haut wie im Gesicht gelten andere Präparate als für Handflächen.
  • Spritzen in ein Gelenk — örtlich, mit begrenzter Häufigkeit.

Von der Packung zum Zusammenhang

Beispiele zur Orientierung, keine vollständige Liste. Handelsnamen können sich ändern; maßgeblich ist der Wirkstoff.
Handelsname (Beispiel)WirkstoffFormWorauf achten
Decortin H, Prednisolon acisPrednisolonTablettemorgens, nie abrupt beenden
Hydrocortison HoechstHydrocortisonTabletteAusweis, Notfallplan
FortecortinDexamethasonTablettestark wirksam
Pulmicort, AlvescoBudesonid, CiclesonidInhalationMund spülen
Advantan, EcuralMethylprednisolonaceponat, MometasonCremedünn und nur auf betroffene Stellen

Für den Pflegealltag wichtig

  • Nach längerer Einnahme niemals abrupt absetzen. Der Körper hat seine eigene Produktion währenddessen heruntergefahren und braucht Zeit, sie wieder aufzunehmen. Ein plötzlicher Stopp kann zu Schwäche, Erbrechen, Kreislaufversagen führen — im Extremfall lebensbedrohlich. Auch „ich fühle mich wieder gut“ ist kein Grund aufzuhören. Abgesetzt wird schrittweise, nach Plan.
  • Für einen Teil der Betroffenen gilt: In Belastungssituationen braucht der Körper mehr, nicht weniger. Für wen das zutrifft und für wen nicht, steht im Kasten weiter unten — das ist einer der Punkte, an denen häufig das Falsche getan wird.
  • Den Kortisonausweis ins Portemonnaie — er sagt jedem Rettungsdienst und jeder Notaufnahme sofort, was zu tun ist. Nötig ist er bei einer längeren oder hoch dosierten Behandlung mit Tabletten oder Spritzen und immer dann, wenn die eigene Cortisolproduktion gedämpft ist; für eine Creme über zwei Wochen braucht es ihn nicht. Fragen Sie in der Praxis nach, ob er in diesem Fall angezeigt ist. Bei einer Nebennierenschwäche gehören Notfallausweis und Notfallset dazu, und zwar griffbereit, nicht in der Schublade.
  • Morgens geben — es folgt dem eigenen Rhythmus und stört den Schlaf weniger.
  • Bei längerer Behandlung mit Tabletten gehören Kontrollen dazu — Blutzucker, Blutdruck, Augeninnendruck und der Knochen. Was davon wie oft nötig ist, hängt von Dosis, Dauer und den eigenen Risiken ab; eine Liste für alle gibt es nicht. Für den Knochen wird das Risiko eigens eingeschätzt. Vitamin D allein reicht dabei nicht automatisch aus: Wer ohnehin ein hohes Bruchrisiko hat, braucht unter Umständen eine richtige Osteoporosebehandlung. Fragen Sie danach, statt es vorauszusetzen.
  • Infekte laufen unter Kortison leiser ab. Fieber kann fehlen, obwohl eine ernste Infektion vorliegt. Deshalb: bei Krankheitsgefühl früher ärztlich abklären lassen als sonst — und sich nicht davon beruhigen lassen, dass das Thermometer nichts anzeigt.
  • Bei längerer Behandlung mit Tabletten ist die Abwehr gedämpft. Dann gehören zwei Dinge besprochen: der Impfschutz — manche Impfstoffe sind in dieser Lage nicht geeignet, das entscheidet die Praxis und nicht der Haushalt — und der Kontakt zu Windpocken oder Masern. Wer Kortison in höherer Dosis nimmt und Kontakt hatte, ruft an, statt abzuwarten.
  • Cremes richtig anwenden: dünn auftragen, nur auf die betroffene Stelle, nicht großflächig über lange Zeit. Besonders vorsichtig im Gesicht, im Genitalbereich und in Hautfalten — dort ist die Haut dünn und nimmt mehr auf. Dasselbe gilt, wenn etwas darüber abdeckt: Verband, Windel, Folie. Wie eine Kortisoncreme beendet wird, ist verschieden: Eine kurze Anwendung kann nach Plan einfach aufhören, eine lange oder stark wirksame wird in Schritten verringert oder in größeren Abständen weitergeführt. Das entscheidet die Praxis nach Erkrankung, Wirkstärke und Körperstelle — nicht der Haushalt.
  • Nach dem Inhalieren den Mund ausspülen und ausspucken.

Mehr Kortison an kranken Tagen — aber nicht für jeden

Es gibt eine bekannte Regel: Bei Fieber, schwerer Infektion, Operation, Unfall oder Erbrechen wird die Kortisonmenge vorübergehend erhöht. Diese Regel gilt nicht für alle, die Kortison nehmen — und wer sie auf sich bezieht, obwohl sie nicht gemeint ist, nimmt unnötig Kortison.

Gemeint sind Menschen, deren Körper selbst nicht mehr genug Cortisol herstellt. Das betrifft eine Nebennierenschwäche als eigene Erkrankung — und Menschen, bei denen eine längere oder hoch dosierte Kortisonbehandlung die eigene Produktion gedämpft hat. Ob das im eigenen Fall zutrifft, ist eine ärztliche Feststellung, keine Vermutung.

Wenn es zutrifft, gibt es einen persönlichen Notfallplan — und der ist das eigentliche Werkzeug. Darin steht, wann erhöht wird, um wie viel und wie lange, wann angerufen wird und was bei Erbrechen gilt: Dann bleibt eine Tablette nicht im Körper, und es kann eine Spritze nötig sein. Wer damit umgehen soll, muss sie einmal in Ruhe gezeigt bekommen haben — nicht im Ernstfall zum ersten Mal auspacken.

Ohne diesen Plan wird nichts erhöht, sondern angerufen. Und wenn jemand mit Nebennierenschwäche schwach, benommen und kreislaufinstabil wird, erbricht oder nicht mehr richtig ansprechbar ist: 112, und den Notfallausweis bereithalten.

Typische Beschwerden — was beobachten?

  • Appetit und Gewicht steigen, das Gesicht wird runder — bei längerer Behandlung.
  • Schlafstörungen, Unruhe, Stimmungsschwankungen, gelegentlich auch Hochstimmung oder Gereiztheit.
  • Steigender Blutzucker — bei Diabetes häufiger messen.
  • Dünner werdende Haut, blaue Flecken, schlechtere Wundheilung.
  • Wasser in den Beinen, steigender Blutdruck.
  • Muskelschwäche in den Oberschenkeln — das Aufstehen vom Stuhl fällt schwerer.
  • Weiße Beläge im Mund nach Inhalation.
  • Sodbrennen, besonders zusammen mit entzündungshemmenden Schmerzmitteln.

Warnzeichen

Sofort die 112

Rufen Sie den Notruf. Nicht erst nachlesen, nicht erst in der Praxis anrufen.

  • Schwäche, Erbrechen, Bauchschmerz, niedriger Blutdruck und Benommenheit, nachdem Kortison abgesetzt wurde oder bei schwerer Krankheit — Notruf, Kortisonausweis bereithalten.
  • Ein Infekt, der rasch schlechter wird, mit Bewusstseinstrübung, schwerer Atemnot oder Kreislaufschwäche.
  • Bluterbrechen, oder schwarzer Stuhl zusammen mit Schwäche, Schwindel und blasser Haut.
  • Eine Verwirrtheit oder Erregung, bei der sich jemand selbst oder andere gefährdet.

Noch heute abklären

Rufen Sie in der Arztpraxis an — außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117.

  • Fieber, Erbrechen oder Durchfall bei laufender Kortisonbehandlung — die Menge muss dann besprochen werden. Denken Sie daran, dass Fieber unter Kortison abgeschwächt sein kann: Ein schweres Krankheitsgefühl ohne hohe Temperatur ist ebenso ein Grund anzurufen.
  • Ein Infekt, der schnell schlechter wird, ohne die oben genannten Notfallzeichen.
  • Starke Bauchschmerzen, schwarzer Stuhl bei ansonsten stabilem Zustand.
  • Plötzliche Sehstörungen oder starke Augenschmerzen.
  • Neue Verwirrtheit, starke Unruhe oder eine deutliche Stimmungsveränderung unter Kortison.
  • Eine Operation oder ein Eingriff steht kurzfristig an.
  • Das Kortison wurde vergessen oder ausgelassen.
  • Deutlich steigende Blutzuckerwerte.
  • Neue starke Schwellungen oder Luftnot.

Beim nächsten Termin besprechen

Kein Notfall, aber es gehört auf den Zettel. Notieren Sie es, solange Sie es noch wissen.

  • Schlafstörungen oder Stimmungsschwankungen seit Beginn.
  • Muskelschwäche beim Aufstehen.
  • Es gibt keinen Kortisonausweis.
  • Es gibt keinen Plan für Krankheitstage.
  • Kontrollen von Blutzucker, Blutdruck, Augen oder Knochen stehen aus.
  • Eine Kortisoncreme läuft seit Wochen ohne Rücksprache.

Fragen für Arztpraxis oder Apotheke

  • Wie lange soll die Behandlung laufen, und wie wird sie beendet?
  • Gilt die Regel mit der erhöhten Menge an kranken Tagen für diesen Fall — und wenn ja, können wir den Plan schriftlich bekommen?
  • Was tun wir bei Fieber, Erbrechen oder einer Operation?
  • Gibt es einen Kortisonausweis — und wo bekommen wir einen?
  • Welche Kontrollen stehen an, und wie oft?
  • Wie hoch ist hier das Bruchrisiko, und reicht Vitamin D — oder braucht der Knochen mehr?
  • Ist ein Magenschutz nötig, besonders zusammen mit Schmerzmitteln?
  • Wie lange dürfen wir die Creme anwenden, und wie hören wir damit auf?
Quellen und Anlaufstellen

Verwandte Inhalte

  • COPD — Welche Inhalatorgruppen es gibt, warum die Technik entscheidend ist und wann Atemnot zum Notfall wird.
  • Asthma — Dauer- und Bedarfsmedikation unterscheiden, Inhalation begleiten und Warnzeichen eines schweren Anfalls erkennen.
  • Osteoporose — Knochenmedikamente verständlich erklärt — inklusive Einnahmehinweisen, Sturzprävention und Fragen zu Vitamin D und Zahngesundheit.
  • Polypharmazie — Medikationsplan, Doppelverordnungen, Wechselwirkungen, Nierenfunktion und Sturzrisiko strukturiert für Gespräche vorbereiten.
Porträt von Hendrik Dohmeyer

Wer schreibt hier?

Hendrik Dohmeyer

Pflegeberater nach § 7a SGB XI · sorgender und pflegender Angehöriger · Autor beim Pflege-Dschungel

Neunzehn Jahre lang habe ich meine beiden Eltern als sorgender und pflegender Angehöriger begleitet – bis 2024. Was ich in dieser Zeit über die Pflegeversicherung wissen musste, habe ich mir mühsam selbst zusammengesucht. Genau das soll Ihnen hier erspart bleiben.

Nach einer kurzen Pause wurden leider weitere Menschen in meiner Familie pflegebedürftig und benötigen seitdem Unterstützung. Diese Situation teile ich mit vielen anderen Familien in Deutschland: Pflege kann unerwartet erneut Teil des eigenen Lebens werden.

Heute führe ich bundesweit Beratungsbesuche nach § 37 Abs. 3 SGB XI durch, engagiere mich im Vorstand des Vereins Pflegende Angehörige e. V. und schreibe seit 2021 die Kolumne „Rat und Recht“ in der Zeitschrift Pflegepartner. Was hier steht, stammt aus eigener Erfahrung und meiner täglichen Beratungspraxis – nicht aus zweiter Hand.

Mehr über Hendrik Dohmeyer

  • Beratungen nach § 37 Abs. 3
  • 19 Jahre eigene Pflegeerfahrung
  • Vorstand Pflegende Angehörige e. V.
  • Über 30 Fachbeiträge seit 2021
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