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Von der stationären in die häusliche Welt: Prävention als Prozess, nicht als Einzelimpuls.

Nov. 20, 2025 | Pflegepolitik, Pflegeversicherung, Prävention, SGB XI | 0 Kommentare

GameChanger Prävention in der Pflege: Warum der neue Barmer-Pflegereport ein Weckruf ist

Heute Vormittag hat Prof. Dr. Heinz Rothgang den neuen BARMER-Pflegereport 2025 vorgestellt – und die Zahlen sind ein Weckruf: Zwischen 2015 und 2023 ist die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland von rund 3,0 Millionen auf 5,7 Millionen Menschen gestiegen, der Anteil an der Bevölkerung von etwa 3,2 % auf gut 6,2 %.

Besonders brisant: Laut Analyse der Barmer lassen sich nur etwa 15 % dieses Anstiegs mit der Alterung der Bevölkerung erklären. Der weitaus größere Teil resultiert aus der Pflegereform 2017 und dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff – also aus unserer Systemlogik, nicht aus einem „Schicksal Demografie“.

Genau hier liegt die Steilvorlage: Wenn Systementscheidungen diese Dynamik mit auslösen, können Systementscheidungen sie auch wieder bremsen – vorausgesetzt, Prävention wird endlich ernst genommen.

Genau darum geht es in meiner kleinen Serie „GameChanger Prävention in der Pflege“ in der Fachzeitschrift CAREkonkret. Teil 1 ist vergangene Woche erschienen, Teil 2 heute, Teil 3 folgt am kommenden Donnerstag.

Von der stationären in die häusliche Welt: Prävention als Prozess, nicht als Einzelimpuls

Im ersten Beitrag habe ich den Blick darauf gelenkt, wie wir erfolgreiche Präventionsansätze aus der stationären Pflege in die häusliche Pflege übertragen und weiterdenken können. Prävention darf nicht bei einem Flyer, einem einmaligen Hinweis oder einem gut gemeinten Gespräch stehen bleiben.

Zentrale Gedanken daraus:

  • Prävention ist ein Prozess, kein Punkt.
    Wer Veränderungsprozesse ernst nimmt, kommt am transtheoretischen Modell (TTM) nicht vorbei: Menschen durchlaufen Phasen vom „Noch-nicht-bereit“ über „Ich denke darüber nach“ bis hin zu „Ich setze um und halte durch“. Prävention in der häuslichen Pflege muss genau diese Prozesslogik abbilden – mit wiederkehrenden Impulsen, nicht mit einmaligen Appellen.
  • Der Einstieg braucht Begleitung.
    Die ersten Schritte sind entscheidend: Wenn jemand mit einem Bewegungsprogramm, einer Ernährungsumstellung oder einem Stressbewältigungsangebot beginnt, braucht es Anstoß, Struktur und Motivation im Alltag. Genau hier können pflegende Angehörige – unterstützt durch Fachpersonen und digitale Tools – Sicherheit und Orientierung geben.
  • Pflegende Angehörige sind eigene Zielgruppe – nicht nur „Mitbetroffene“.
    Sie sind häufig erschöpft, gesundheitlich gefährdet und zugleich hochmotivierbar, wenn es um die Stabilisierung der Situation geht. Präventive Angebote müssen pflegende Angehörige selbst adressieren, nicht nur die pflegebedürftige Person.
  • Pflegende Angehörige als wichtigste Motivator:innen im Familienalltag.
    Sie sind diejenigen, die im Alltag „dranbleiben“ können: beim Erinnern, Ermutigen, Strukturieren. Wenn wir sie stärken, stärken wir gleichzeitig die Erfolgschancen jeder präventiven Maßnahme in der Familie.

Prävention mit bestehenden Mitteln bedeutet, die SGB XI‑Leistungen flexibler zu nutzen.

Ein weiterer Schwerpunkt des ersten Artikels: Wir müssen nicht bei Null beginnen. Das SGB XI stellt bereits heute Instrumente bereit, die wir präventiv deutlich intelligenter nutzen könnten:

  • § 45 SGB XI – Pflegekurse für pflegende Angehörige
    Statt nur Basiswissen zu vermitteln („Wie hebe ich richtig?“), könnten Pflegekurse gezielt darauf ausgerichtet werden, präventives Handeln anzubahnen: Bewegungsimpulse, Sturzprophylaxe, Umgang mit Belastung, frühzeitige Nutzung von Entlastungsleistungen.
  • § 45b SGB XI – Entlastungsbetrag
    Der Entlastungsbetrag könnte wesentlich stärker eingesetzt werden, um Alltagshelferinnen und -helfer in eine präventive Rolle zu bringen: Sie begleiten Bewegungsübungen, fördern soziale Teilhabe, unterstützen Struktur im Alltag – ergänzend zur Unterstützung im Haushalt und bei Besorgungen.
  • § 40a SGB XI – digitale Pflegeanwendungen (DiPA)
    DiPAs können eine kontinuierliche Begleitung ermöglichen: Erinnerungen, Monitoring, motivierende Rückmeldungen. Wenn wir sie konsequent auf Prävention ausrichten, werden sie zum roten Faden eines längerfristigen Veränderungsprozesses – statt zur einmaligen Spielerei auf dem Tablet.

Damit diese Potenziale gehoben werden, braucht es außerdem: aktuelles Wissen bei Pflegefachpersonen und Pflegeberater:innen. Prävention muss in Aus- und Fortbildung, in Beratungsgesprächen nach § 7a und § 37 Abs. 3 SGB XI und in der Steuerung von Leistungsangeboten systematisch mitgedacht werden.

Hendrik Dohmeyer
Hendrik Dohmeyer – §7a Pflegeberater
und Autor beim Pflege-Dschungel

Bis 2024 insgesamt 18 Jahren als Sorgender und Pflegender Angehöriger (SPA) bei den eigenen Eltern. Ab 2025 als SorgenderErsatz Angehöriger (SEA) bei anderen Familien im Einsatz.
Als Pflegeberater bin ich bundesweit für viele Familien tätig.
Täglich nutzen durchschnittlich 1.500 Ratsuchende meine Informationen und Leistungen hier vom Pflege-Dschungel.

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Autor beim Pflege-Dschungel

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