Explosionsartiges Wachstum? Der Laie staunt!
Nach den Worten von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland unerwartet schnell. Ist das wirklich so unerwartet – und welchen Einfluss hat der ambulante Bereich?
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Bundesgesundheitsminister Lauterbach nannte den Anstieg der Pflegebedürftigen 2023 „explosionsartig". Der Blick auf die Zahlen zeigt: Mit 7,4 % liegt der Zuwachs kaum über dem Vorjahr. Der eigentliche Treiber ist die ambulante Pflege.
Dieser Beitrag erschien im Juni 2024. Die genannten Zahlen und Aussagen geben den damaligen Stand wieder.
Am 27. Mai überraschte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach mit einem Interview gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) zur „aktuell dramatischen Entwicklung“ bei der Pflegebedürftigkeit in Deutschland. Die Aussagen schlugen Wellen, und die gesamte Medienlandschaft vom Spiegel bis zur Tagesschau stürzte sich auf das Thema. Größtenteils sehr unreflektiert wurde die Kernbotschaft übernommen, dass nun „ganz plötzlich eine dramatische Entwicklung“ eingetreten sei.
Insbesondere die Annahme des Ministers von zusätzlich nur 50.000 neuen Pflegebedürftigen – und damit lediglich 1 % Wachstum – irritierte enorm. Tatsächlich zeigt die Entwicklung für 2023 ein Plus von 7,4 Prozent gegenüber dem Anstieg von 5,8 Prozent im Vorjahr. Die Trendlinie hat damit keinen deutlich sichtbaren Ausschlag bekommen. Die Entwicklung der letzten Jahre als „explosionsartig“ zu bezeichnen, ist beim Blick auf die Zahlen, Balken und Kurven wenig nachvollziehbar.
Im Original-Zitat sagte Lauterbach: „Es gibt zunächst einmal ein akutes Problem in der Pflegeversicherung. In den letzten Jahren ist die Zahl der Pflegebedürftigen geradezu explosionsartig gestiegen. Demografisch bedingt wäre 2023 nur mit einem Zuwachs von rund 50.000 Personen zu rechnen gewesen. Doch tatsächlich beträgt das Plus über 360.000. (…) Woran das liegt, verstehen wir noch nicht genau.“
Dabei erwarteten die fachkundigen Statistiker:innen eine jährliche Abschwächung der prozentualen Wachstumsquoten, die durch den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff 2017 deutlich gestiegen waren. Die gewollte Öffnung der Pflegeversicherung auch für Menschen mit kognitiven Problemsituationen führte damals zu einem sprunghaften Anstieg. Durchschnittlich kamen seit der Umstellung auf das Pflegegrad-System jährlich fast 354.000 neue Personen mit begutachtetem Pflegebedarf hinzu. Jetzt sind mindestens 90.000 mehr zu verzeichnen, als nach der Trendentwicklung von 2022 erwartet worden wären.
In den folgenden Tagen kamen immer mehr Pflegeexperten zu Wort, die Lauterbachs Auffassung größtenteils ungläubig bis fassungslos kommentierten. Verwiesen wurde auf die umfassenden Pflegestatistiken aus dem eigenen Archiv des BMG und auf die Bücherschränke füllende Literatur zur demografischen Entwicklung – etwa den Bertelsmann-Themenreport „Pflege 2030″, der bereits 2012 auf die Konsequenzen der Babyboomer-Generation hinwies.
„Sandwicheffekt“ – und der wahre Treiber
Lauterbach begründete den Anstieg mit einem Sandwicheffekt: „Zu den sehr alten, pflegebedürftigen Menschen kommen die ersten Babyboomer, die nun ebenfalls pflegebedürftig werden. Es gibt also erstmals zwei Generationen, die gleichzeitig auf Pflege angewiesen sind.“ Tatsächlich lässt sich eine überproportional hohe Steigerungsrate im Altersegment der 60- bis unter 75-Jährigen feststellen: Mit 108.000 zusätzlichen Pflegebedürftigen gegenüber 2022 stieg diese Altersgruppe um 11,6 Prozent – deutlich über den ansonsten 7,4 Prozent insgesamt. Wenn das bisherige Rückgrat der sorgenden und pflegenden Angehörigen zunehmend selbst zum Pflegefall wird, verschärft sich die Problemlage weiter.
Der große Treiber der Entwicklung ist jedoch die ambulante Pflege. Wie bereits in den Vorjahren war hier gegenüber der stationären Versorgung wieder ein deutliches Plus von 8,6 Prozent zu verzeichnen. Mit 4,4 Mio. Personen wuchs dieser Versorgungsbereich allein um 350.000 Menschen.
Kamen in den Vorjahren überdurchschnittlich viele Menschen in den unteren Pflegegraden 1 und 2 neu hinzu, zeigt sich 2023 ein anderes Bild: Erstmals sank das Wachstum bei Pflegegrad 1 unter die Zehn-Prozent-Linie. Dafür stieg der Bedarf deutlich bei den Pflegegraden 3 (+9,5 %) und 4 (+6,0 %); auch bei der schwersten Pflegebedürftigkeit wurden über 3.000 neue Einstufungen dokumentiert, nachdem im Vorjahr hier noch eine Verminderung ausgewiesen wurde. Welche Gründe für diese Strukturverschiebung verantwortlich sind, ist zurzeit noch nicht plausibel zu erklären.
Pflegestatistik Pflegereform Ambulante Pflege










































