Blutzucker messen und Insulin sicher verabreichen
Was Angehörige vorbereiten, dokumentieren und bei Unter- oder Überzuckerung beachten sollten.

Transparenz
Wie dieser Beitrag entstanden ist
Geschrieben und fachlich verantwortet unter der Leitung von Susanne Brinkmann, examinierte Pflegefachkraft, in Zusammenarbeit mit Hendrik Dohmeyer, Pflegeberater nach § 7a SGB XI.
- KI hilft beim Recherchieren von Quellen, beim Ordnen von Gedanken und dabei, Behördendeutsch verständlich zu machen.
- KI entscheidet nichts. Jede Zahl, jede Frist und jede rechtliche Aussage prüfe ich selbst, bevor sie hier steht.
Blutzucker messen und Insulin geben können Angehörige übernehmen — täglich, über Jahre, zuverlässig. Aber nur nach persönlicher Einweisung und nur nach einem Plan, der für diesen einen Menschen geschrieben wurde.
Deshalb finden Sie auf dieser Seite keine einzige Zahl: keine Zielwerte, keine Grenzwerte, keine Mengen, keine Dosen. Nicht aus Zurückhaltung, sondern weil sie falsch wären. Was für den einen Menschen ein guter Wert ist, ist für den nächsten zu niedrig — bei älteren Menschen liegen die Zielbereiche oft bewusst höher als bei jüngeren. Und eine Insulindosis ergibt sich aus Gewicht, Essen, Bewegung, Tageszeit und der eingestellten Therapie.
Was hier steht, ist alles andere: wie man sich vorbereitet, was man beobachtet, und was im Notfall zu tun ist.
Der Notfall zuerst: Unterzuckerung
Eine Unterzuckerung kann innerhalb von Minuten bedrohlich werden. Deshalb steht sie hier oben und nicht am Ende.
Mögliche Zeichen: Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, plötzlicher Heißhunger, Blässe, Unruhe. Dann: Konzentrationsprobleme, verwaschene Sprache, seltsames oder gereiztes Verhalten, Benommenheit.
Zwei Fallen, die Sie kennen sollten. Erstens sieht eine Unterzuckerung von außen oft aus wie Verwirrtheit oder Sturheit — bei Menschen mit Demenz wird sie deshalb regelmäßig übersehen. Zweitens spüren manche Menschen nach vielen Jahren mit Diabetes die Warnzeichen nicht mehr; dann fehlt die Vorstufe ganz.
Wenn die Person wach ist und sicher schlucken kann: Geben Sie schnell wirkende Kohlenhydrate, so wie es im persönlichen Notfallplan steht — dort ist festgelegt, was und wie viel. Bleiben Sie dabei, messen Sie nach, und geben Sie danach etwas Länger-Sättigendes, wenn der Plan das vorsieht.
Wenn die Person schläfrig, verwirrt oder bewusstlos ist — oder wenn Sie beim Schlucken unsicher sind:
- Nichts in den Mund geben. Kein Traubenzucker, kein Saft, kein Gel, kein Löffel Honig. Es kann in die Lunge geraten, und das ist lebensgefährlich.
- Sofort die 112.
- In die stabile Seitenlage bringen, soweit möglich, und dabeibleiben.
- Ein verordnetes Notfallmedikament nur geben, wenn es Ihnen dafür gezeigt wurde und der Plan es vorsieht.
- Sagen Sie am Telefon, dass es um Diabetes geht — das ändert, womit die Rettung anrückt.
Und die Grundregel für alle Zweifelsfälle: Wenn Sie nicht wissen, ob der Zucker zu hoch oder zu niedrig ist, und nicht messen können — behandeln Sie wie eine Unterzuckerung, sofern die Person sicher schlucken kann. Ein kurzfristig zu hoher Wert schadet weit weniger als eine unbehandelte Unterzuckerung.
Vor der Übernahme klären
Bevor Sie messen oder spritzen, lassen Sie sich das hier schriftlich geben — und lassen Sie sich jedes Gerät persönlich zeigen:
- Das Messgerät oder der Sensor: bedienen, Streifen einlegen, Ergebnis ablesen, Fehlermeldungen verstehen.
- Der Pen: welches Insulin, wie wird er vorbereitet, wie eingestellt, wie erkennt man, dass er leer ist.
- Wann gemessen wird und wann gespritzt.
- Der Zielbereich für genau diesen Menschen — und was zu tun ist, wenn ein Wert darüber oder darunter liegt.
- Was sich bei Krankheit ändert, bei wenig Essen, bei ungewohnter Bewegung.
- Der Notfallplan bei Unterzuckerung: was, wie viel, wann nachmessen.
- Wen Sie anrufen — mit Nummer, für tagsüber und für nachts.
Hängen Sie diesen Plan sichtbar auf, nicht in eine Schublade. Im Ernstfall sucht niemand.
Blutzucker messen
Die Grundsätze, die für jedes Gerät gelten — der Rest steht in der Einweisung und in der Anleitung des Herstellers:
- Hände waschen und gründlich abtrocknen — beide, Ihre und die der gemessenen Person. Reste von Obst oder Creme am Finger verfälschen das Ergebnis erheblich.
- Keinen Alkohol zum Desinfizieren, wenn nicht ausdrücklich vorgesehen; er verfälscht ebenfalls.
- Teststreifen prüfen: Verfallsdatum, Dose immer sofort schließen.
- Für jeden Stich eine frische Lanzette, und niemals eine Lanzette oder ein Stechgerät zwischen zwei Personen teilen.
- An der Fingerseite stechen, nicht in die Kuppe — dort tut es weniger weh.
- Nicht quetschen. Wer den Finger auspresst, misst Gewebeflüssigkeit mit und bekommt einen falschen Wert.
- Das Ergebnis auf Plausibilität prüfen: Passt es zu dem, was Sie sehen? Ein unerwarteter Wert wird nach Anweisung noch einmal gemessen, bevor darauf reagiert wird.
- Sofort aufschreiben — Wert, Uhrzeit, was gegessen wurde, was auffällig war.
Zu Sensoren am Oberarm (die kontinuierlich messen): Sie sind eine große Erleichterung, aber sie messen nicht im Blut, sondern im Gewebe — und hinken deshalb hinterher. Wenn sich der Zucker gerade schnell ändert, kann der Sensorwert deutlich abweichen. Bei Verdacht auf Unterzuckerung und bei Werten, die nicht zum Befinden passen, gilt die Fingermessung, sofern der individuelle Plan nichts anderes sagt.
Insulin geben
Die Technik selbst — wie der Pen gehalten wird, wie tief, wie lange — gehört gezeigt und nicht gelesen. Was Sie hier finden, sind die Sicherheitspunkte drumherum:
- Das richtige Insulin. Viele Menschen haben zwei verschiedene, und die Pens sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Kleben Sie sie unterschiedlich an. Diese Verwechslung ist der häufigste schwere Fehler überhaupt.
- Die Dosis kommt aus dem Plan. Nicht aus dem Gedächtnis, nicht aus einer Rechnung, nicht aus dem Internet.
- Vor jeder Gabe laut vergleichen: Pen, Einheiten, Uhrzeit.
- Spritzstellen wechseln, nach dem Schema, das Ihnen gezeigt wurde. Wer immer dieselbe Stelle nimmt, bekommt dort Verhärtungen — und aus verhärtetem Gewebe wird Insulin unberechenbar aufgenommen.
- Auffällige Hautstellen meiden und beim nächsten Termin zeigen: Verhärtungen, Dellen, Rötungen, blaue Flecken.
- Sofort dokumentieren. Nicht später. Die doppelte Gabe entsteht dort, wo zwei Menschen sich aufeinander verlassen.
- Pens niemals zwischen Personen teilen — auch nicht mit neuer Nadel.
- Nadeln in einen durchstichsicheren Behälter. Wie sie entsorgt werden, ist regional verschieden; die Apotheke sagt es Ihnen.
Sehr hohe Werte
Anhaltend hohe Werte können in einen gefährlichen Zustand münden — besonders bei Typ-1-Diabetes und besonders bei zusätzlicher Erkrankung.
Warnzeichen, die zusammen auftreten: starker Durst, häufiges Wasserlassen, Übelkeit und Erbrechen, Bauchschmerzen, auffällig tiefe und schnelle Atmung, ein ungewöhnlicher Atemgeruch (manche beschreiben ihn wie Nagellackentferner), starke Müdigkeit bis zur Bewusstseinstrübung.
Das ist ein Fall für rasche ärztliche Bewertung — und bei Erbrechen, tiefer Atmung oder Bewusstseinsstörung für die 112. Geben Sie in dieser Lage kein zusätzliches Insulin auf eigene Faust.
Krankheit, wenig Essen, Erbrechen
Ein Infekt verändert den Zuckerstoffwechsel erheblich — oft steigen die Werte, obwohl weniger gegessen wird. Genau hier passieren die meisten Fehlentscheidungen: Es wird weniger gegessen, also lässt man das Insulin weg. Das kann gefährlich sein, besonders bei Typ 1.
- Insulin nicht eigenmächtig weglassen oder verringern.
- Häufiger messen, als es der normale Plan vorsieht.
- Auf Flüssigkeit achten, soweit erlaubt.
- Früh anrufen — Diabetespraxis, außerhalb der Sprechzeiten der Bereitschaftsdienst unter 116 117. Nicht bis zum nächsten Werktag warten.
Lassen Sie sich für diesen Fall einen eigenen Plan geben, bevor die erste Erkältung kommt. Fachleute nennen das „Regeln für kranke Tage“ — fragen Sie ausdrücklich danach.
Wer Ihnen hilft
- Diabetesberatung — die wichtigste Adresse. Speziell ausgebildete Fachkräfte, die Geräte, Pen und Notfallplan mit Ihnen durchgehen. Nach einer Schulung für Angehörige ausdrücklich fragen.
- Die behandelnde Praxis — legt Plan, Zielbereich und Dosis fest.
- Die Apotheke — für Material, Lagerung und Entsorgung.
- Pflegedienst — kann Messung und Injektion übernehmen und Sie anleiten.
- Pflegeberatung nach § 7a SGB XI — unabhängig, kostenfrei. Was dort passiert.
Blutzuckermessung und Insulingabe können als häusliche Krankenpflege ärztlich verordnet werden — über die Krankenkasse, unabhängig vom Pflegegrad. Ob und in welchem Umfang, entscheidet die Kasse im Einzelfall.
Häufige Fragen
Welche Werte sind normal, welche gefährlich?
Diese Frage lässt sich nicht allgemein beantworten, und deshalb steht hier keine Zahl. Zielbereiche werden individuell festgelegt — bei älteren Menschen bewusst oft höher als bei jüngeren, weil eine Unterzuckerung dort gefährlicher ist als ein etwas erhöhter Wert. Ihr Zielbereich steht im persönlichen Plan; wenn er dort nicht steht, fragen Sie in der Praxis danach und lassen Sie ihn sich aufschreiben. Wichtiger als jede Zahl ist ohnehin die Frage: Was tue ich, wenn der Wert darüber oder darunter liegt? Auch das gehört in den Plan.
Wo wird Insulin gespritzt?
Es gibt mehrere geeignete Körperregionen, und welche wann genutzt wird, hängt von der Insulinart und vom persönlichen Schema ab — deshalb steht hier keine Anleitung. Zwei Dinge gelten aber immer: Die Stellen werden nach einem festen Schema gewechselt, und auffällige Haut wird gemieden. Wer über Monate an derselben Stelle spritzt, bekommt dort Verhärtungen; aus solchem Gewebe wird Insulin unberechenbar aufgenommen, und die Werte schwanken ohne erkennbaren Grund. Lassen Sie sich das Schema zeigen und die Stellen beim nächsten Termin ansehen.
Was tun, wenn eine Insulingabe vergessen wurde?
Nicht einfach nachholen und auf keinen Fall doppelt geben. Was richtig ist, hängt von der Insulinart ab, davon wie viel Zeit vergangen ist und was gegessen wurde. Rufen Sie an — in der Praxis, außerhalb der Sprechzeiten beim Bereitschaftsdienst unter 116 117. Messen Sie in der Zwischenzeit häufiger als sonst und schreiben Sie auf, was passiert ist. Lassen Sie sich für diesen Fall am besten vorab eine Regel geben; er kommt in jeder Familie irgendwann vor.
Der Sensor zeigt etwas anderes als das Messgerät — was gilt?
Sensoren messen im Gewebe, nicht im Blut, und hinken deshalb hinterher. Wenn sich der Zucker gerade schnell ändert, weichen die Werte deutlich voneinander ab — das ist kein Defekt. Bei Verdacht auf Unterzuckerung und immer dann, wenn der angezeigte Wert nicht zum Befinden passt, gilt die Fingermessung, sofern der individuelle Plan nichts anderes vorsieht. Und wenn jemand Anzeichen einer Unterzuckerung hat, wird gehandelt — auch wenn der Sensor einen unauffälligen Wert zeigt.
Kann der Pflegedienst messen und Insulin geben?
Ja. Beides kann als häusliche Krankenpflege ärztlich verordnet werden und läuft über die Krankenkasse — unabhängig vom Pflegegrad. Möglich sind alle Zuschnitte: nur die Anleitung, einzelne Tageszeiten, oder die vollständige Übernahme. Gerade der frühe Morgen oder der späte Abend lässt sich so abdecken, wenn Angehörige berufstätig sind. Ob und in welchem Umfang bewilligt wird, entscheidet die Kasse im Einzelfall.
Wie geht es weiter?
- Medikamente sicher vorbereiten und geben — die Grundregeln für alles, was eingenommen wird
- Wunden fachgerecht versorgen — Fußwunden bei Diabetes gehören immer fachlich behandelt
- Alle Pflegetipps — zwanzig Anleitungen für die Pflege zu Hause
- Pflegeberatung nach § 7a — unabhängig, kostenfrei





